Tag der Entscheidung im Taschen-Projekt

Der Termin bei Shakti-Milan ist für 15 Uhr angesetzt. Also bleibt uns der Vormittag um weiter am Projekt zu arbeiten. Erste Besprechung mit Prakriti auf der Terrasse. Dann setzen Oliver, Prakriti und ich uns auf die Yogamatte auf der Dachterrasse in die Sonne und eröffnen unser Büro.

IMG_4513Zuerst spielen wir die ganze Prozesskette durch. Von der Produktentwicklung über die Beschaffung der Rohmaterialien zur Produktion, zum Marketing und Vertrieb der Taschen. Außerdem spielen wir das Thema Human Resources durch, denn qualifizierte und vor allem motivierte Mitarbeiterinnen mit dem Kriterium der Bedürftigkeit zu bekommen und langfristig zu binden hat sich ja schon in den Anfängen als Herausforderung gezeigt. Auch über die Finanzen und Reportingstandards machen wir uns einen Kopf und wie wir den Infoaustausch in Zukunft handhaben wollen, mit uns in Deutschland, Prakriti in Nepal und einer schneckenlahmen Internetverbindung und das auch nur wenn gerade Strom da ist.

IMG_3116Als wir die ganze Prozesskette im Detail auf Post-Its geschrieben und auf die Yogamatte geklebt haben, brauchen wir erst mal einen Tee. Puh, das ist ein richtiges Business und ganz schön komplex. Unser Bauchgefühl, daß die Damen von Shakti-Milan das innerhalb ihrer Organisation nicht handeln können, wird nach dieser Übung ganz klar bestätigt. Leider haben die Shakti-Milan Damen im Moment noch grosse Schwierigkeiten überhaupt eine Tasche in der erforderlichen Qualität zu produzieren. Die Ausbildung läuft noch und das Engagement ist auch sehr unterschiedlich. Und die Taschenproduktion nach Standardvorlage ist nur ein kleines Puzzlestück in der ganzen Prozesskette. Wir überlegen ob wir das Team um Sundar im Dorf Pharping ausbauen sollten. Auf dem Dorf gibt es viele bedürftige Frauen die bereits Kleidung nähen können. Sie auf Taschen zu schulen dauert max. 3-4 Tage und Sundar könnte ein solches Team leiten, die Qualitätsstandards sichern und die Frauen anlernen. Sobald die Shakti-Milan Damen dann soweit sind, können wir ein zweites Team aufmachen, denn dann haben wir hoffentlich genügend Aufträge um beide Teams auszulasten. Ausserdem könnten die HIV Damen dann weitgehend unter sich und in der geschützten Umgebung bleiben, ohne ihre Infizierung vor anderen Nicht-HIV Infizierten publik machen zu müssen.

Auf jeden Fall ist klar, dass wir sofort ein zweites, unabhängiges Team von bereits ausgebildeten Frauen brauchen, die innerhalb von sehr kurzer Zeit loslegen können Taschen zu produzieren. Anderenfalls müssen wir unsere Bestellungen streichen.

Nach dem Mittagessen brechen Prakriti und ich zu Shakti-Milan auf. Goma ist bereits da. Der Näh-Raum ist belebt, es hängen Taschen an der Wand und eine Bewohnerin des Heims übt an der Nähmaschine (macht sie gut, seltsamerweise ist sie gar nicht bei uns im Team). Ich freue mich sehr das so zu sehen.

IMG_3118Die Häkel-Dame kommt und präsentiert uns stolz ihre erste Reissack-Tasche. Klasse! Als wir den Sack sehen, den sie dafür verwendet hat, bekommen Prakriti und ich gleichzeitig einen Stich in den Magen. Wir brauchen keinen Blickkontakt. Wir denken beide genau dasselbe: OMG! Der Sack mit dem Elefantenmotiv, der ist so selten zu bekommen und der einzige, der richtig gut auf den Rucksäcken aussieht. Und sie hat ausgerechnet den zum Üben genommen. Ohne Blick fürs Motiv hat sie einfach dem Elefanten durch den Bauch geschnitten….RAMROOOO (schööön) sagen wir beide mit einem gequälten Lächeln.

Wir sprechen lange mit Goma. Nach ein paar einleitenden Worten kommen wir sehr schnell zum Punkt. Wie soll es weitergehen? Sie ist sehr ehrlich zu uns und beschönigt nichts. Im Moment, so sagt sie, sind sie noch nicht in der Lage einen Beitrag zur Produktion zu leisten. Sie hat die Komplexität unterschätzt und es tut ihr leid, dass ihre Damen aus unterschiedlichen Gründen nur mäßiges Engagement zeigen. Aber es ist nach wie vor ihr Traum dieses Business für Shakti-Milan zum Fliegen zu bringen. Sie verspricht einen neuen Anlauf zu starten, alle Shakti-Milan Mitglieder zu einem Treffen zu versammeln und auch einen Näh-Trainer aufzutreiben um das Team auf Taschen zu schulen. Sie braucht nur mehr Zeit und eine kleine Pause. Wir einigen uns auf einen Zeitraum von 5 Monaten für den wir aus den Erlösen der Taschen das Training, die Materialien, die Busfahrten etc. für die Shakti-Milan Damen finanzieren. Die Nähmaschine, der Raum, alles bleibt erhalten. Wir werden in engem Kontakt bleiben, regelmäßig vorbeischauen und den Fortschritt verfolgen. Nach 5 Monaten, so ist der Plan, sind die Damen soweit, dass sie in die Taschenproduktion einsteigen können. Ausserdem werden sie auch einen wesentlichen Beitrag zum Vertrieb und Marketing der Taschen über ihr Netzwerk leisten. Prakriti und ich werden derweil unser Möglichstes tun um das Projekt in der Zwischenzeit am Leben zu halten. Wir werden ein weiteres Team aufbauen, damit wir die Aufträge erfüllen und so Geld für das Training der Damen generieren können. Goma ist einverstanden die Zielgruppe auf hilfsbedürftige Frauen aller Art zu erweitern und nicht nur im Kreise der HIV Infizierten Frauen zu suchen. Das war ein gutes Meeting und hat eine Menge Klarheit gebracht. Die nächsten Schritte zeichnen sich ab.

Zurück zu Hause hat Viola, unsere neue Mitbewohnerin, Pasta gekocht. Das ist mal eine nette Abwechslung zum täglichen Reis und auch die Familie probiert neugierig dieses fremde Gericht ;-).

Direkt nach dem Abendessen versammeln wir uns alle auf dem Bett von Gokul und Prakriti, werten den Tag und das Gespräch mit Goma aus und entscheiden dann, wie und mit welcher Organisationsform wir weitermachen. Spätestens morgen müssen wir die Labels und Anhänger (Love Letters) für die Taschen in Auftrag geben und dafür müssen wir wissen, wie das Kind heissen soll. Wir entscheiden uns dafür eine Dachorganisation zu registrieren, die WISE (Women in Social Entrepreneurship) heissen soll. Das gibt uns die Möglichkeit langfristig auch noch andere Bereiche als Taschen zu eröffnen. Unter WISE gibt es die Taschenproduktion, die wir Shakti-Milan-Bags nennen. Und „Shakti Milan Bags“ würden wir gerne zur Marke ausbauen. Da wir vorerst ja nur eine Taschen-Art haben, und um unsere Kunden nicht zu verwirren, werden wir nach Außen erst mal nur mit dem Namen „Shakti Milan Bags“ auftreten. Mit dieser Entscheidung fühlen wir uns alle gut. Und wir werden euphorisch als wir uns erlauben die Zukunft der WISE Organisation und deren Potenzial noch ein bisschen weiter zu träumen, bevor auch dieser ereignisreiche Tag zu Ende geht.

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