Bergauf, bergauf und weiter bergauf

Die Nacht war okay, das Frühstück ungeniessbar (das kommt davon, wenn man was anderes als Dal Bhat bestellt). Wir sind in einem Hotel in Arkhet aber es hat den maximalen Luxus eines sauberen Hauses in einem Bergdorf. Kein Bad, geschweige denn eine Dusche, keine Scheiben in den Fenstern und Hühner im Zimmer. Nepali-Style. Anders wird es in Swaragau sicher nicht sein. Aber das wollten wir ja so.IMG_2912 IMG_2910

Egal, jetzt frühstücken und dann 3-4 Stunden trekken zum Dorf Swaragau.

Um 8:40 Uhr geht es los und die Tortur beginnt. Man will es vorher nicht wahrhaben, aber es ist so, es geht nur bergauf. 900 Höhenmeter müssen wir schaffen. Für erfahrene Trekker sicherlich kein Thema, aber für einen Schreibtischtäter meiner Statur eben eher eine Tortur. Wenn es eine Abzweigung gibt, nehmen wir natürlich immer die steilere Variante. Aber wir kommen an, ich auch. Immer wenn ich eine Pause benötige, machen wir diese auch.

Unterwegs gibt es auch einige schöne Momente. Beeindruckend für mich waren die vielen Schmetterlinge, die wir unterwegs sehen können. Aber auch anderen Tieren, insbesondere Büffeln, müssen wir immer wieder ausweichen, als diese an uns vorbei den Berg herunter getrieben werden. Natürlich auch Ziegen und Esel-Karawanen. Immer wieder kommen uns Menschen entgegen, am Anfang häufig Schülerinnen und Schüler auf dem Weg zur Schule in Arkhet. Nach einer dreiviertel Stunde treffen wir unsere Träger, die vom Dorf runtergekommen sind, um unsere Rucksäcke aus dem Hotel zu holen und hoch zu bringen. Natürlich denken wir „Die Armen“, aber später werden wir hören, dass sie ständig für alles mögliche inkl. fehlender Farbe nach Arkhet geschickt werden und auch gleich wieder hochkommen. Irgendwie so wie Sonntags Brötchen holen, nur eben 1h Berg runter und 1,5h Berg wieder rauf. Meine Sorge auf dem Weg nach oben ist nur, dass die Träger mich plötzlich mitsamt Rucksack überholen. Die Schmach möchte ich mir nicht geben.IMG_7465IMG_7485 IMG_7471Der Weg hinauf ist echt schön, immer wieder mit Blick auf Gebirge und endlose Terrassen mit Reis oder Hirsefeldern. Wenn man zwei Bauwerke in Nepal besonders herausheben möchte, dann sind das sicherlich auf der einen Seite die unzähligen Terrassenfelder und anderseits die Trekkingwege. Nahezu der gesamte Weg nach oben ist mit Steinen gepflastert, vielfach in sauberen Treppenstufen.

Nach ca. 1h kommt ein Spruch von unserem Guide Sidi Everst, der ausgesprochen gut Deutsch spricht, „diesen Baum kenne ich nicht! Der stand letztes Mal noch nicht hier.“. Vom Umfang her schätze ich den Baum auf 30 Jahre. Haben wir uns verlaufen? Meine Motivation bekommt gerade einen Minusausschlag. Wir gehen weiter.IMG_7481

Nach genau 2h kommt das Dorf. Leider das falsche. Aber dafür sieht es so aus, dass wir schön am Dorfrand entlang nahezu waagerecht weitergehen. Leider auch falsch. Ich habe die Abzweigung rechts übersehen die wieder steil bergauf durchs Dorf geht. Am Ausgang des Dorfes kommen wir an einer Schule vorbei. Leider ist auch hier Nepals größtes Problem (aus meiner Sicht) nur zu deutlich zu erkennen. Müll über Müll. Aus meiner Sicht eine echte Schande für dieses schöne Land Nepal.IMG_7489

Am Dorf vorbei zeigt Sidi auf ein Dorf am Hang und meint das ist unser Ziel. Prima, Ende in Sicht. Es kommt uns mal wieder eine kleine Büffelherde entgegen und wir nehmen eine Abkürzung über die Terrassenfelder. Dann wieder bergauf und ausnahmsweise auch durch ein Flußbett, natürlich bergauf, links ab und Stopp. Unser Guide Sidi meint nur, wir sollten hier mal stehen bleiben, irgendwie sind wir nicht richtig. Sidi, deinen Humur verstehe ich nicht! Knapp 3h bergauf, komplett durchgeschwitzt und das Ziel zum Greifen nah und jetzt verlaufen wir uns?IMG_7505

Zurück ins Flußbett, andere Seite wieder rauf und siehe da, wir sind da. Genau 3 Stunden Marsch. Gute Zeit!

Kerstin: Pünktlich zum Mittagessen kommen wir endlich im Dorf an. Der Aufstieg hat sich wirklich gelohnt. Wir haben von hier aus einen tollen Blick ins Tal. Terrassenfelder so weit das Auge reicht und sogar die schneebedeckten Berge des Manaslu Gebirges können wir sehen. Die Bergluft ist wunderbar klar (kein Wunder, hier gibt es ja auch keine Autos), was wir nach so langer Zeit im Smog von Kathmandu wirklich zu schätzen wissen.IMG_7506

Im Dorf treffen wir Bhagwan von Karmalaya und 4 weitere Volontäre. Franzi, Margit und Mario machen den Karmalaya Projekt Trek und sind für ein paar Tage hier im Einsatz. Louisa ist schon seit 3 Wochen hier und will gar nicht wieder weg. Und weil gerade so viele Westler hier sind, gibt es auch den Luxus eines Karmalaya Kochteams, von dem wir ein super Aufstiegs-Festtags-Mittagessen bekommen.

Nach der Stärkung führt uns Bhagwan durchs Dorf mit seinen ca. 600 Einwohnern, stellt uns einzelne Bewohner vor, zeigt uns ein paar tolle Aussichtspunkte, erklärt uns wie die Dorfbewohner aus Hirse Schnaps brennen und führt uns in die Schule, das Waisenheim und das Hostel für die blinden Kinder. In der Schule werden ca. 200 Kinder aus dem Dorf und der Umgebung bis zur 8. Klasse unterrichtet. Teilweise wandern die kleinen Knirpse 2-3 Stunden täglich um zur Schule zu kommen. Der Schulleiter wohnt im Tal, kommt jeden Morgen den Berg hoch und läuft ihn jeden Abend wieder runter. Unfassbar für Oliver und mich, wie man diesen Aufstieg täglich bewältigen kann. Im Waisenheim sind 12 Kinder bei Pflegeeltern untergebracht und im Blinden-Hostel noch einmal 11 Kinder, davon 3 Albinos.IMG_7557

Als wir nach unserer Tour zurück zum Dorfplatz kommen, sind auch unsere Rucksäcke da. Die beiden Träger sind noch ganz munter. Unglaublich! Wir waren schon fix und fertig als wir ohne Gepäck hier angekommen sind. Hätten wir die Rucksäcke selber den Berg raufschleppen müssen, wären wir wahrscheinlich unterwegs zusammengebrochen.

Dann werden wir ganz prominent im Haus direkt am Dorfplatz untergebracht. Das ist eine Hütte mit einem Raum unten und einem Raum unterm Dach. Alles in allem ca. 40 qm und Platz für mind. 11 Leute zum Schlafen. Wir teilen in der ersten Nacht die Hütte allerdings nur mit Mario. Die Bewohner der Hütte mussten anscheinend ihre Betten für uns räumen und wo anders schlafen.

Am Nachmittag versammeln sich dann alle Schulkinder (im Moment ist Erntezeit und nicht alle 200 kommen täglich zur Schule) und viele Dorfbewohner zu unserer Begrüßungs-Zeremonie. Dafür werden 3 blaue Plastik-Stühle auf den Dorfplatz gestellt, für Oliver, unseren Guide Sidi und für mich. Wir nehmen Platz und werden von jedem Kind persönlich begrüßt und mit einem Blumenkranz um den Hals willkommen geheißen. So an die 40 Blumenkränze um den Hals sind ganz schön schwer und sehr duftig. Im Gegenzug revanchieren wir uns mit einem Stift für jedes Kind als Geschenk. Diese Zeremonie ist schon sehr speziell, mächtig beeindruckend und definitiv etwas, was wir so beide noch nicht erlebt haben.IMG_7524 IMG_7530

Die Kinder verschwinden wieder in ihre Klassenräume und sagen laut ihre Lektionen auf. Von Außen wird derweil die Schule bunt angemalt. Karmalaya hat Farbe und Baumaterialien gespendet und damit im Dorf einiges in Bewegung gesetzt. Auch die im letzten Jahr neu gebaute Brücke bekommt ein Dach und alle Volontäre sowie ein paar örtliche Handwerker sind den ganzen Nachmittag, unter der ständigen Beobachtung von ein paar Dorfältesten, fleißig im Einsatz.

Oliver und ich haben heute noch Pause und so besuchen wir bis zum Abendessen gemeinsam mit Bhagwan die Kinder im Blinden-Hostel. Bhagwan hat für jedes Kind Socken mitgebracht und wir haben noch Schokolade, Bälle und ein Kartenspiel mit Braille-Schrift für die Kinder im Gepäck.IMG_7577

Das Abendessen aus dem mobilen Kochzelt ist wieder super lecker. Zur Feier des Tages wurde sogar ein Huhn geschlachtet und zu Chicken-Curry verarbeitet. Nach dem Abendessen machen wir ein Lagerfeuer auf dem Dorfplatz. Unsere Ankunft heute und die Abreise von 3 Volontären morgen, das muss gefeiert werden. Nach und nach stoßen immer mehr Dorfbewohner dazu. Dann kommen noch eine Musikgruppe, noch mehr Kinder und Frauen. Und auch einiges an Gorka Bier und Rakshi (selbstgebrannter Hirseschnaps) werden gereicht.

Auf einmal kommt eine ganze Gruppe Frauen direkt auf uns Volontäre zugeschossen. Wir müssen mitkommen und werden unter viel Gekicher in traditionelle Nepalesische Gewänder gekleidet. Kein Entrinnen. Jeder, auch Oliver und Mario werden verkleidet und dann mit begeisterten „Ramro Chao“ Rufen (Nepali für schöön) wieder in die Lagerfeuer-Gesellschaft eingeführt. Und dann müssen wir tanzen. Rund ums Feuer, zum Gesang der Frauen und dem Getrommel der Musikgruppe. Wir machen uns vorm gesamten Dorf zum Affen, aber mit einer entsprechenden Menge an Bier und Rakshi ist das eigentlich auch egal und sogar witzig. Schnell haben wir mit den Kindern eine lustige Polonaise ums Feuer gebildet und alle haben ihren Spaß. Oliver hat sogar eine neue Freundin. Ein kleines Mädchen, Anju, ist ganz hin und weg und lässt sich von ihm immer hin und her drehen. Wir haben viel Spaß und irgendwann tanzen dann auch wirklich alle mit ums Feuer. Und so haben wir schon am ersten Abend einen guten Draht zu den Dorfbewohnern bekommen.IMG_7733 IMG_7680 IMG_7658

Happy und körperlich völlig am Ende fallen wir ins Bett und merken gar nicht, dass wir nur auf einem Brett mit Decke schlafen. Auch die Hühner, die über das Wellblechdach laufen und eigentlich einen Heidenkrach machen, hören wir nicht mehr.

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2 Kommentare zu “Bergauf, bergauf und weiter bergauf

  1. Pingback: We are Nepal – Die Folgen des Erdbebens | OK in Nepal

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