Schulunterricht auch für Oliver

Oliver: Nachdem ich mich gestern erfolgreich um eine Sprach-Unterrichtsstunde gedrückt habe, ließ ich heute die 6 Uhr morgendliche Yoga-Unterrichtsstunde ausfallen. Da das eine Einzelstund ist, gab es auch keine großen Widerworte. Aber als ich nach dem Frühstück gegen 9 Uhr bei Gokul im Büro sitze und mir die Metapläne von Kerstin und den beiden anschaue, klingelt das Telefon. Gokul teilt mir mit, dass ich beim Sprachunterricht im Karmalaya-Haus erwartet werde. Also schnell Schuhe an und einen Guide finden, der mich ins Haus bringt. Krishna ist der Auserwählte und wenige Minuten später sitze ich in einem Klassenraum mit Nawar. Der Sprachunterreicht beginnt mit einer Geschichts- und Erdkundestunde und wechselt dann in ein Stakkato von Wörtern in Nepalesischer Sprache. Natürlich lerne ich auch den Standardsatz, den man immer in der ersten Stunde lernt: Mero naam Oliver ho.

Als Nawar damit anfängt alle Gemüsesorten aufzuzählen, bitte ich ihn um Übersetzung von Vokablen, die mich mehr interessieren, wie Marktplatz=bazaar, Verkäufer=byapari oder einkaufen=kinmel.

Kerstin: Während Oliver im Sprachkurs ist, sitze ich mal wieder mit Prakriti zusammen und wir überlegen, wie es mit der Taschenproduktion jetzt weitergehen soll. Wir sind beide ziemlich frustriert, da es so schwer ist, die Shakti-Milan Damen ans Arbeiten zu bekommen. Der Anfangs-Enthusiasmus hat schnell nachgelassen und mittlerweile geht nur noch die Häkeldame zum Training. Die Taschenproduktion liegt brach, seit Rishu keine Zeit mehr hat. Wir sind immer noch auf der Suche nach einer Nachfolgerin, aber das ist eine Suche mit Bedingungen. Wir suchen einen Nähprofi, der zudem noch aus dem Shakti-Milan Umfeld kommt und am Besten noch in einer persönlichen Notlage ist. Damit wird es echt schwierig.

Gestern waren wir zum Gespräch mit Goma und einer neuen Trainerin in der Shakti-Milan Zentrale verabredet. Die Trainerin kam einfach nicht und auch Goma war viel oberflächlicher als noch ein paar Wochen zuvor. Wahrscheinlich gehen ihr auch die Ideen aus. Prakriti und ich würden gerne die Zielgruppe erweitern und neben HIV infizierten Frauen auch andere Frauen in Notlagen ansprechen. Bei der Frage nach dem Trainer würden wir sogar einen weiblichen Vollprofi engagieren, ungeachtet persönlicher Notlagen oder nicht.

Aus Erfahrung weiß ich, dass man Menschen nicht wirklich extern motivieren kann. Ein Interesse und Engagement in unserem Projekt muss von den Damen selber ausgehen. Wenn das Business einmal am fliegen ist und wir erste Kunden haben und Löhne zahlen können, dann ist es sicherlich leichter das Vertrauen und Interesse an einer Mitarbeit zu gewinnen. So lange wir aber noch in der Krabbelphase sind, brauchen wir Damen, die aus eigenem Antrieb motiviert sind und die freiwillig und ohne Anschubsen und mit Begeisterung unsere Taschen nähen. Solche Frauen gibt es. Aber vielleicht nicht unbedingt im Krisenzentrum, denn dort bekommt man Unterkunft und Verpflegung auch ohne Gegenleistung.

Bei unserem Treffen mit Shakti Milan verstehen wir jetzt auch zum ersten Mal warum die Damen so sehr darauf fokussiert sind, nur jemanden aus ihrem Netzwerk zu involvieren. Bei jedem Außenseiter gehen sie die Gefahr ein, dass ihre Erkrankung öffentlich wird, dass die Nachbarschaft erfährt, dass in dem Mietshaus HIV infizierte Frauen wohnen (was wahrscheinlich zur Kündigung des Vertrages führen würde). Und die Nepalesische Gesellschaft ist grausam diskriminierend. Die Mehrheit der Nepalesen denkt, HIV überträgt sich schon durchs Anschauen eines Infizierten. Dementsprechend werden HIV infizierte aufs Schärfste verurteilt und geächtet. Da alle Frauen bereits diese Erfahrung gemacht haben, ist es nicht verwunderlich, dass sie ihre Infizierung nicht in der Öffentlichkeit publik machen möchten.

Das ist Stoff zum Nachdenken. Insbesondere, da wir die Geschichte der Betterplace Kampagne und der Taschen-Label auf das Netzwerk HIV infizierter Frauen aufgebaut haben. Warum sie uns das nicht eher gesagt haben? Keine Ahnung. Nepalesische Kultur? Vielleicht haben sie auch nicht geglaubt, dass wir jemals so weit mit dem Projekt kommen werden? Hier wird eben auch nicht wirklich vorausschauend gedacht und Problemen stellt man sich erst genau dann, wenn man auf sie trifft, auch wenn sie sich schon von Weitem am Horizont abzeichnen. Vielleicht war es für die HIV Ladies auch einfach ein No Brainer (also ganz klar), nur für Außenstehende wir Prakriti und mich eine Überraschung.

Praktiti und ich müssen auf jeden Fall erst mal darüber nachdenken, was wir als nächstes tun und ob es ggf. sinnvoller ist das Ganze unter einem anderen Namen und langfristig auch unter einer anderen Organisation laufen zu lassen. Damit wären wir unabhängiger von Shakti Milan und könnten auch andere Frauen in Notlagen einbinden, was wir ja gerne tun würden.

Auf jeden Fall beschließen wir erst mal ein bisschen vom Gas zu gehen und auf die Reaktion von Shakti Milan zu warten. Immerhin hat Goma versprochen den Kontakt mit der Trainerin weiter zu verfolgen und auch die Damen weiterhin zu aktivieren. Dann hoffen wir mal, dass das Pferd noch nicht ganz tot ist ;-).

Wie sagt Gokul immer so schön: Wir müssen uns täglich bemühen unser Bestes zu tun aber wir dürfen nichts erwarten. Manchmal klappt’s, manchmal auch nicht. Aber auch ein Feuerwerk an Aktionismus und guten Taten kann nicht sicherstellen, dass die gewollten Konsequenzen auch eintreten. Ja, ja… so was sagen die Yogis auch. Wäre aber trotzdem schön gewesen…;-).

Oliver: Touri-Programm zweiter Tag. Heute bringt Navar mich an den wohl wichtigsten Platz für Hindus in Kathmandu. Zusammen mit Kerstin besuchen wir Pashupati Mandir und Pashupatinath. In den Tempel kommen wir als Nicht-Hindus nicht hinein, können aber die Rückansicht des goldenen Kalbes sehen sowie die silbernen Tore. IMG_6476

Daneben besuchen wir kurz das erste Altersheim Nepals, wo die Alten in einer Reihe im Innenhof sitzen und schauen, wie die Touristen sie anschauen. Direkt neben dem Altersheim ist die heilige Verbrennungsstätte direkt am Fluß Bagmati, der in den heiligen Fluß Ganges fließt. Das bizarreste am heutigen Szenario ist nicht, dass die Alten direkt neben dem Krematorium leben und rechtzeitg anfangen Holz für die Bestattung zu sammeln, sondern die Szenen, die sich im „VIP-Teil“ des Krematoriums abspielen. Bestaunt durch dutzende Zuschauer wird ein fast toter Mensch aufgebahrt mit den Füßen im Bagmati auf die Treppen gelegt. Bevor der Mensch in wenigen Stunden verstorben sein wird, sollen die Füße vom heiligen Wasser umspüllt sein und der Fast-Tote das heilige Wasser trinken, welches die Angehörigen in den Mund tröpfeln (was das Sterben bei der Wasserqualität sicherlich eher beschleunigt).IMG_6484IMG_6485 IMG_6494 IMG_6497Nach dem wichtigsten Tempel der Hindus geht es nun zum wichtigsten Tempel der Buddhisten, den Buddha Stupa. Dieser Tempel ist sicherlich auch das Wahrzeichen Nepal, mit den Augen in allen Himmelsrichtungen. Diese Darstellung findet man oft in Kathmandu aber nur einmal in dieser Größe. Umbaut von Häusern mit Shops und Restaurant, kann man die Stupa nur von außen, natürlich immer im Uhrzeigersinn, umgehen und nicht hinein. Wir betrachten uns das imposante Bauwerk von der Dachterrasse eines Restaurants und geniessen die einmalige Atmosphäre und ich kann auch das erste Mal Mo-Mos (Nepalesische Maultaschen, sehr zu empfehlen) probieren.IMG_6503 IMG_6506 IMG_6516 IMG_6528Abends frage ich Gokul, ob ich auch mit ins Shakti Milan Haus dürfe. Außer Gokul haben dort keine Männer Zutritt. Doch als Ehemann von Kerstin sieht er kein Problem und wird der Leiterin Goma mitteilen, dass ich die nächsten Tage auch ins Haus kommen werde.

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