Bei Frust hilft Schokolade

Schon früh am Morgen treffen wir uns zur „Social-Experience-Tour-Flyer-Verteilen-Lage-Besprechung“. Es ist wichtig, die Zielgruppe genau zu identifizieren, wir haben schließlich nur ein ganz paar Flyer zu verteilen, da muss alles sitzen ;-). Und wenn wir der Familie Subedi unsympathische Leute ins Haus schleppen, dann machen wir die Tour wahrscheinlich nur 1 Mal.

Dann machen Franzi, Mirjam, Maria und ich uns gemeinsam auf zum Farmersmarket. Auf dem Weg dahin geben wir noch in einer Wäscherei unsere Wäsche ab und nutzen die Gelegenheit schon mal zu Üben. Kühn haue ich die nächstbesten Touris mit Stadtplan an, die einigermaßen nach unserer Zielgruppe aussehen. Ja toll finden sie die Idee, nur leider sind sie nächsten Samstag schon auf irgendeiner Wanderung. Tja, wäre ja auch zu schön gewesen.

Unterwegs machen wir weitere potenzielle Teilnehmer aus. Meine 3 Mitstreiterinnen haben sofort verstanden, welche Zielgruppe ich im Auge habe. Nur leider trauen sie sich nicht die Leute anzusprechen. Irgendwie bin ich die einzige, die Kaltakquise macht, was auch nicht unbedingt meine Lieblingsbeschäftigung ist.

Aber unsere Hoffnungen liegen auf dem Farmersmarket. Dort können wir am Stand von Sandra stehen und kommen so bequem mit den Touris ins Gespräch. Nur leider haben wir nicht mit dem Lichterfest kalkuliert. Wir erleben eine herbe Überraschung. Auf dem sonst so quirligen Farmersmarket ist absolut tote Hose. Es sind nur 1/3 der Stände aufgebaut und lediglich ein harter Kern von Nepalerfahrenen Expats trifft sich heute dort. Das Restaurant ist zu, so dass wir unsere Enttäuschung noch nicht einmal mit einem ordentlichen Kaffee herunterspülen können. Sandra ist auch nicht da. So ein Mist. Also hier finden wir heute keine Leute für unsere Tour.

Wir ziehen weiter nach Thamel, ins Herz der Touriszene. Aber auch hier haben heute nur vereinzelt Geschäft auf und es ist ungewohnt leer und ruhig. Mirjam und Franzi verabschieden sich. Gemeinsam mit Maria verbringe ich den Nachmittag zwischen Thamel und der Altstadt. Wir lassen uns treiben, trinken Kaffee und essen Schokoladenkuchen und shoppen uns so durch die paar offenen Läden. Bei jeder Gelegenheit (in der Schlange im Cafe, im Trekkingshop, im Esoterischen Buchladen, beim Warten auf der Strasse, usw.) spreche ich Leute an und versuche sie für die Tour zu gewinnen. Leider alles ohne Erfolg. Generell findet das jeder toll, aber praktisch ist keiner der Angesprochenen am nächsten Samstag in Kathmandu. Das läuft nicht gut!

Am späten Nachmittag sind wir wieder zu Hause, nachdem wir noch das Mini-Taj-Mahal besucht haben, dass nur 1x im Jahr geöffnet ist und das nämlich heute, zum Bruder und Schwester-Tag.

Zu Hause gibt es dann wieder eine tolle Tika-Zeremonie. Gokul und Prakriti sitzen auf dem Boden im Schlafzimmer der Eltern um von der Schwester Segnungen zu empfangen. Die andere Schwester liegt im gleichen Zimmer im Bett und schläft (keine Ahnung warum). Wir Volontäre drängen uns zu viert auf dem 2-Sitzer zusammen. Ama sitzt auch auf dem Boden und fotografiert alles (dass sie die Köpfe auf den Fotos immer abschneidet scheint sie nicht zu stören). Im Rücken von Gokul und Prakriti läuft der Fernseher (das Taj-Mahal, dass wir noch vor kurzem besucht haben, ist in den Nachrichten zu sehen). Auf dem Flur steht der Opa mit einem Baby im Arm. Saisna, die Nichte, drängt sich auch noch ganz aufgeregt in das winzige Zimmer. Vor Gokul und Prakriti türmen sich die Geschenke der Schwester an ihren Bruder: ein Tetra Pack mit Apfelsaft, Doughnuts, Bananen, Äpfel, Bonbons, Joghurt und auch ein Täfelchen Schokolade. Dann wird Wasser in einem Kreis um die beiden getropft. Ich glaube für ein langes Leben, bin mir aber nicht mehr sicher. Als nächstes wird Öl im Kreis um die beiden vergossen. Maria und ich gucken uns kurz an und haben den gleichen Gedanken: „das geht doch nie wieder aus dem Teppich raus…“ aber anscheinend sind wir die einzigen, die so denken. Das Ganze nimmt seinen Lauf und dann bekommt jeder noch einen gelben Strich mit 7 verschieden-farbigen Punkten auf die Stirn gemalt. Dafür wurde ein Spielkarte als Schablone vorbereitet. Auch wir waren vorbereitet und haben schon mal die Haare aus der Stirn geklammert. Sind ja schließlich schon Tika-Profis mittlerweile ;-).

IMG_3919 IMG_3918Am Abend merke ich, dass mein letzter Besuch am Geldautomaten eine unerfreuliche Wendung nimmt. Ich hatte vor ein paar Tagen versucht das Maximum abzuheben, nur leider ist das Geld nicht rausgekommen. Jetzt sehe ich auf dem Konto, dass die Summe aber dem Konto belastet wurde. So ein Mist. Das passt ja zum Tag. Keinen Einzigen Kunden für die Tour aufgetrieben und dann noch Ärger mit der Bank. Ein Fall für Oliver. Während ich ihm übelgelaunt alle Infos nach Berlin maile, kommt Krishna von seiner Wochenendtour aus dem Dorf zurück und schnurstracks zu uns ins Zimmer. Weiss nicht, ob ich gerade die Nerven dafür habe. Aber er ist ein lieber Kerl und hat meine neue Kurta im Schlepptau. Und auch eine Tasche, die sein Bruder für uns entworfen hat. Voller freudiger Erwartung präsentiert er seine Mitbringsel.

Als erstes sehe ich den Ölfleck schön zentral auf dem Schienbein der Hose der Kurta. Oh mann. Warum haben sie den Fleck nicht wenigstens an einer weniger sichtbaren Stelle verarbeitet? Nachdem ich dann alles komplett anhabe, mit gelbem Hemd und lila Glitzer-Schal fällt der Fleck dann aber auch nicht mehr auf. Hmm. Speziell. Aber irgendwie auch nicht schlecht. Dann kommt die zweite Hose zum Vorschein. Ich hatte eine ganz schlichte Baumwollhose bestellt (und zwar genauso eine, wie seine Schwester damals anhatte). Und was sehe ich, eine grellbunt gemusterte, rot-gelbe Clownshose. Sie haben es gut gemeint und einen besonderen Stoff extra für mich auf dem Markt gekauft. Ich glaube, das Entsetzen ist mir ins Gesicht geschrieben. Aber mal abgesehen von dem wilden Muster passt die Hose gut und ist sehr bequem.

IMG_3917Stolz zeigt Krishna mir dann die Reistasche des Designer-Bruders. Aha. Interessant. Nach Design sieht das allerdings weniger aus. Eher nach dreckigem Reissack- irgendwie billig zusammengeschustert. Ich bin enttäuscht. Schließlich hatte ich so große Hoffnungen in die Näh-Familie und den Designer-Bruder gesetzt. Jetzt, nachdem ich die Arbeitsproben in den Händen halte, bin ich mir nicht mehr so sicher, ob die uns wirklich weiterbringen können.

Krishna hat auch jede Menge neue Ideen mitgebracht. Z.B. könne man auch Hosen anfertigen und an die Touristen verkaufen. Ja. Klar. Aber diese Hosen bekommt man hier für weniger als 5 Euro an jeder Ecke. Das ist absolut nichts Besonderes. Wie wollen wir denn damit Geld verdienen? Und außerdem ist es schon noch mal was anderes Oberbekleidung zu nähen, als Taschen. Ich glaube Krishna erkennt schnell, dass heute nicht mein bester Tag ist und behält seine restlichen Ideen erst mal für sich.

Nach dem Essen gehen Mirjam und Maria noch mal zum Karmalaya Haus. Ich bleibe lieber zu Hause, denn mit meiner „alles Scheisse heute und keiner versteht mich“ Laune bin ich kein guter Gesellschafter. Stattdessen suche ich mir eine DVD aus und mache es mir vor dem riesigen 3D Fernseher gemütlich. Aber auch bei der Auswahl der DVD greife ich daneben. Nach einer halben Stunde gebe ich auf und gehe ins Bett.

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