Ein Jahr nach dem Erdbeben in Nepal

Ich bin zurück in Nepal um gemeinsam mit dem Team unser soziales Projekt Shakti Milan Nepal (www.shakti-milan.com) weiter zu entwickeln, dass wir zur Unterstützung benachteiligter Frauen gegründet haben. Der Flieger landet fast genau ein Jahr nach dem großen Erdbeben am 25. April 2015 in Kathmandu. Damals, während des Bebens, war ich auch in Nepal. Habe die Katastrophe gemeinsam mit den Nepalesen erlebt und durchlitten und bin dann noch geblieben um vor Ort zu helfen, mit Spenden aus dem Deutschen Freundes- und Bekanntenkreis. Bedrückt, traurig und zutiefst verunsichert habe ich vor knapp einem Jahr das Land verlassen. Jetzt bin ich freudig erregt als wir uns nach der Ankunft am Flughafen durch den dichten Straßenverkehr der Großstadt kämpfen.

Was hat sich verändert seitdem? Welche Spuren hat die Naturkatastrophe hinterlassen, die ca. 9.000 Todesopfer gefordert hat?

Wir gehen auf Entdeckungsreise. Auf dem Weg zum Augentempel Boudha, einem der Wahrzeichen der Stadt, fahren wir an riesigen Zeltstädten des chinesischen Roten Kreuz vorbei. Auch ein Jahr nach dem Beben leben viele Menschen auf der Straße ohne ein festes Dach über dem Kopf. Die Regierung ist schwach und trotz enormer Spendengelder, die ins Land geflossen sind, ist unglaublich wenig passiert. Es werden Schäden offiziell begutachtet und dann wird der Zustand des Gebäudes auf einem Stück Papier eingetragen und auf die Außenwand geklebt. Wann Geld zur Renovierung oder Wiederaufbau ausgezahlt wird, bleibt weiterhin unklar.

Die Bevölkerung ist auf sich allein gestellt, die vorhandenen Gelder werden zweckentfremdet für politische Machtspiele, wie uns unsere Freunde in Kathmandu berichten. Das macht wütend!

Als wir den Augentempel erreichen sind wir erschüttert. Das Wahrzeichen, die Spitze der Stupa mit dem Buddhistischen Symbol der Augen existiert nicht mehr. Die Stupa ist komplett eingerüstet und wird gerade wieder aufgebaut. An Anziehungskraft hat dieser Ort aber nichts eingebüßt. In Scharen pilgern die Buddhisten, vor allem Tibeter, um das Heiligtum und sprechen dabei ihre Gebete.

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Der Wiederaufbau ist das bestimmende Thema in Kathmandu. Überall wird gebaut, geräumt, gewerkelt. Und das mit Werkzeugen und Methoden aus dem Mittelalter. Es ist unglaublich, mit welchen einfachen Mitteln die Menschen hier ihre Häuser und Straßen bauen. Im ganzen Kathmandu-Tal werden Lehmziegel gebrannt, teilweise auf selbstgezimmerten Öfen. Vor unserem Haus beobachten wir einen Straßenbau Trupp. Da wird erst ein riesiger Haufen Holz angeschleppt, große Löcher gegraben und darin ein Feuer entzündet und anschließend mit Erde abgedeckt und Teerfässer eingelassen. Durch das Feuer wird der Teer erwärmt, der dann ständig umgegossen und von den Arbeitern auf die Straße gepinselt wird. Morgens um 4:50 Uhr fangen sie an und arbeiten den ganzen Tag in glühender Hitze bis nach 24 Uhr.

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Aber auch einige UNESCO Denkmäler in Bhaktapur sind schwer beschädigt und nach einem Jahr viele immer noch einsturzgefährdet. Als wir die alte Newar-Stadt besuchen, können wir sehen, wie detailgetreu wieder aufgebaut wird, aber auch wie langsam. Arbeiter sehen wir nur an einem kleinen Tempel.

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Aber nicht nur Arbeitstechnik und Werkzeug sind eine Herausforderung in Nepal. Auch die Baustoffe sind schlecht. Zement und Beton zum Hausbau wird aus Indien oder China importiert und hat oft das Haltbarkeitsdatum schon überschritten, wenn er in Nepal ankommt, nach einer unsachgemäßen Lagerung und der üblichen Korruption auf dem Bau, wundert man sich eigentlich eher, dass noch so viele Häuser das Erdbeben relativ unbeschadet überstanden haben. Auch das Haus indem wir wohnen hat einen breiten Riss in der Außenmauer. Uns wird aber versichert, dass alles ausreichend stabil ist.

Auf unserem Trip nach Nagarkot, einem beliebten Wochenendausflugsziel für Nepalesen und Touristen, mussten wir feststellen, dass viele Hotels auf dem Bergrücken zerstört sind. Gestaunt haben wir nicht schlecht, als wir gemerkt haben, dass das 5 Stöckige Hotel, in dem wir vor dem Beben einmal übernachtet hatten, komplett verschwunden war. Nicht nur beschädigt, nein, komplett weg. Der Manager des Hotels „End of the Universe“ erklärte uns die Umstände. Vor dem Wiederaufbau steht die Entsorgung der Trümmer. Sein eigenes Haupthaus war nicht eingestürzt aber in gefährliche Schieflage geraten. So musste er erst einmal Leute finden, die das Haus abtragen, um dann mit dem Neubau zu beginnen. Er hat sich klar für einen nachhaltigen Wiederaufbau entschieden. Wie viele andere Nepalesen auch. Sie planen jetzt niedriggeschossig, verarbeiten viel Stahl und experimentieren mit anderen erdbebensicheren Konstruktionen. Das ist schlau, denn nach Expertenschätzungen stehen weitere massive Beben bevor.

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Der ganze Wiederaufbau scheint gerade vor ein paar Wochen erst richtig begonnen zu haben. Monatelang war die Grenze zu Indien blockiert und damit sind keinerlei Waren ins Land gekommen. Kein Gas, kein Benzin und auch keine Baumaterialien. Seit kurzem ist die Blockade nun beendet und so langsam normalisiert sich die Versorgungslage wieder. Viel Zeit für all die Bauprojekte bleibt nicht mehr. In einem Monat beginnt die Regenzeit. Was bis dahin nicht fertiggestellt ist, läuft Gefahr durch die Regenfluten und die häufigen Erdrutsche wieder zerstört zu werden. Über der Stadt liegt eine unglaubliche Smog-Wolke. Schlechte Luft und getrübte Sicht sind normal für diese Jahreszeit, aber durch die Baumaßnahmen überall im Land ist es in diesem Jahr besonders schlimm.

Nach den ersten Soforthilfemaßnahmen direkt nach dem Beben und neben gezielter Einzelfallhilfe haben wir die mit unserer Aktion „We are Nepal“ (www.we-are-nepal.org) gesammelten Spendengelder vor Allem für die Trauma-Bewältigung von Kindern verwendet. Bei unserem Besuch jetzt wollen wir natürlich auch vor Ort sehen, wie sich dieses Hilfs-Projekt, das wir gemeinsam mit unserer Partnerorganisation ACCESS durchführen, entwickelt hat. Im Laufe der letzten Monate wurde hierfür ein Team zusammengestellt und ausgebildet und ein Workshop zur Identifizierung von traumatisierten Kindern entwickelt, der regelmäßig an Schulen in den besonders stark vom Beben betroffenen ländlichen Regionen durchgeführt wird. Die Kinder, die hierbei als auffällig und verstört erkannt werden, erhalten weitergehende individuelle Behandlungen. Eines dieser Kinder ist gerade mit seiner Mutter zur Nachuntersuchung in Kathmandu und wir können uns selbst ein Bild machen wie sorgfältig und nachhaltig dieses Projekt aufgesetzt wurde und betreut wird. Und auch bei einem Besuch im Übergangsheim für Kinderarbeiter, das ebenfalls von ACCESS geführt wird, erleben wir, wie sehr das Erdbeben die Kinder in ihren Grundfesten erschüttert hat und immer noch Thema ist.

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Neben unserem Einsatz für Shakti Milan Nepal, mit dem wir Frauen einen Weg in die Unabhängigkeit ermöglichen, werden wir ACCESS und die Trauma-Bewältigung bei Kindern auf jeden Fall weiterhin unterstützen. Nepal: wir kommen wieder!

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Kerstin & Oliver Prothmann

 

 

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Kultur und Business im Wechsel

Chancen auf dem US Markt

Heute treffen wir uns mit Mac, der auch gerade in Kathmandu ist. Den Kontakt hat eine liebe Freundin aus Berlin hergestellt. Mac exportiert seit über 30 Jahren Handwerkskunst aus Tibet und Nepal in die USA und verkauft es dort im grossen Stil auf Märkten, auf einer Online-Plattform und über Katalog. Ein Profi, der sich bestens auskennt. Wir sind gespannt ihn zu treffen. Da er sehr beschäftigt ist, fahren wir zu ihm nach Patan. Das ist eine Nachbarstadt von Kathmandu und das Zentrum aller Botschaften, NGOs und INGOs. Hier ist es viel sauberer als in Kathmandu, das STrassenbild oft geprägt von Jeeps verschiedener Hilfsorganisationen und das Angebot an Bars- und Restaurants sehr westlich geprägt. Wir sind sehr selten hier und staunen jedes mal. Mittlerweile sind wir ganz selbstverständlich mit dem Roller von Prakriti unterwegs. Oliver kommt gut mit dem Rechtsverkehr und den Schlaglöchern zurecht und drängelt und schlängelt sich durch das Strassenchaos ganz wie ein echter Nepali.

In Patan angekommen, breiten wir unsere ganze Shakti Milan Palette in Piano, einem Italienischen Restaurant, auf der Dachterrasse aus. Die Klassiker, unsere City Bag, genauso wie die neuen Prototypen. Super gespannt erwarten wir Mac.

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Mac ist ein super sympathischer und entspannter Geschäftsmann. Mehrmals im Jahr verschickt er Container mit Waren aus Nepal in die USA um sie dort zu vertreiben. Das Leid der Transportkosten können wir bereits mit ihm teilen. Er erklärt uns seine ganze Lieferkette und wer alles etwas vom Kuchen abhaben will, bis das Endprodukt dann verkauft ist. Ja, das kommt uns bekannt vor, deshalb verkaufen wir ja auch am liebsten direkt an den Endkunden. Aber mittlerweile haben wir eine gut laufende Produktion, die locker 300 Taschen pro Monat schafft und da müssen wir uns nach Vertriebspartnern umsehen, die auch gewissen Mengen abnehmen können, damit wir unseren Ladies eine Beschäftigungssicherheit bieten können. Mac wäre ein Glücksfall für uns, auch wenn wir beim Preis einige Kompromisse eingehen müssen.

Gespannt wie ein Flitzebogen sind wir, ob ihm unsere Produkte wohl gefallen und in sein Sortiment passen. JA! Er ist begeistert. Lobt die Produkte und die Verarbeitung. Hat hier und da noch ein paar Anmerkungen aber unterm Strich ist alle gut. Wir beschliessen, dass wir es gerne auf einen Versuch ankommen lassen wollen und eine kleine Charge nach seinen Wünschen produzieren, die dann als Test auf dem US Markt landen. WOW!

Als nächstes schickt uns Mac seine Designerin, die sich unsere Produktion anschaut und bestimmte Änderungswünsche hat. Und gemeinsam mit ihr kommt auch seine Qualitäts-Managerin. Sie wird alles inspizieren und ihm dann einen Report schicken. Jetzt heisst es Daumen drücken, dass wir den Qualitäts-Check gut bestehen und uns auch über Preis und Konditionen einig werden. Bitte alle mithelfen. Wir berichten dann, wie die Geschichte weitergeht.

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Das liebe Essen….

Oliver: Wer mich kennt, der weiß, dass ich gerne esse. Nur bei 32°C im Schatten kann ich auch gerne mal auf das Mittagessen verzichten und abends lecker essen. Das habe ich nun heute Mittag allen betroffenen und nicht-betroffenen Mitgliedern der Gastfamilie mitgeteilt und versucht klarzumachen, dass es mir gut geht und ich nur kein Mittagessen wünsche. Selbst beim rausgehen habe ich die x-te Rückfrage nochmals bestätigt, dass ich aktuell weder Reis noch Tee benötige. Es sind schließlich 32°C. Ca eine Stunde später steht plötzlich Prakriti neben mir und bietet mir eine Nudelsuppe mit den Worten an, dass ich doch was essen müsste und Kerstin hat schliesslich auch eine Nudelsuppe gegessen. I like Nepal.

Apropos essen. Essen in Nepal bedeutet Reis mit Linsen, was hier Dal Baht heißt. Da ich zusätzlich auch noch in einem Vegetarier Haushalt bin, gibt es hier ausschließlich Reis mit Linsen. Aber es gibt Beilagen. Kartoffeln. Wozu brauche ich Kartoffeln, wenn ich Reis habe? Sei ruhig und iss. I like Nepal.

Zu den guten Sitten in Nepal gehört es, dass man gerne einen Nachschlag nimmt. Nun habe ich selten ein Problem damit einen Nachschlag zu nehmen, doch wenn man bereits den Teller mit Reis und Linsen und eben Kartoffeln hoch wie den Himalaya gefüllt hat, fällt es auch mir schwer, einen weiteren Löffel von jedem dazu zunehmen. Doch Ama, die Mutter von Gokul und Herrin der Küche, lässt natürlich nicht locker und so gibt es noch einen Löffel Reis und etwas Linsen, ach ja Kartoffeln gibt’s auch noch. I like Nepal.

Dass meine Essensverweigerung auch noch am nächsten Tag Thema sein wird, hätte ich nicht gedacht. Aber bereits zum Frühstück kommen wir wieder auf das Thema und Gokul möchte sichergehen, dass ich heute was esse. Da ich plane mit Krishna in die Stadt zu einem Festival zu fahren, werden mir bereits jetzt MoMos (eine Art Nepalesische Maultaschen) versprochen. In der Stadt hat mir Krishna dann einen Geheimtipp für MoMos gezeigt und ich habe sehr leckere MoMos gegessen. Um alle Gemüter zu beruhigen habe ich ein Selfie per FB Messenger in die Runde geschickt und alles ist wieder gut. I like Nepal.

Da ich, ehrlich gesagt, die ganze Aufregung nicht verstehe (tut mir sicherlich auch mal gut eine Mahlzeit auszulassen), erklärt mir Kerstin, woher die Aufregung kommt. Als ausländischer Gast bin ich hier das wichtigste Gut im Haushalt. In der Kultur der Nepalesen ist Essen wesentlich, wenn nicht sogar heilig. Das ich nicht zu Mittag gegessen habe, war also ein kultureller Fauxpas. Es gibt nur eine Ausnahme und das ist die Gesundheit. Da alle Nepalesen wissen, dass wir Bleichgesichter manchmal mit den Speisen magentechnisch nicht klarkommen, kann man dann eine Ausnahme machen, da die Gesundheit wohl über dem Essen steht. Dieser Grund darf auch als Ausrede benutzt werden. I like Nepal.


Pooja in Pashupatinath

Heute Nachmittag gibt es Kultur. Gokul, sein Freund Raj, Krishna, Kerstin und ich fahren mit den Motorrädern zuerst zur Augentempel-Stupa. Auf dem Weg zur Stupa sehen wir die auch ein Jahr nach dem Erdbeben noch existierenden Zeltlager der Obdachlosen. Am 25. April jährt sich dieses fürchterliche Ereignis zum ersten Mal und ich werde sicherlich noch dazu berichten.

Angekommen an diesem besonderen Platz mit dem buddhistischen Heiligtum in der Mitte und den unzähligen Hotels und Geschäften im Ronell um die Stupa herum, erkennt man schnell, dass dies ein Magnet für Nepalis, Mönche und Touristen ist., aber vor allem für die Tibetische-Gemeinschaft ausserhalb Tibets. Alle Menschen gehen im Uhrzeigersinn um die Stupa herum. Mindestens 1 Mal. Und nie eine gerade Anzahl an Runden. Dabei halten sie ihre Gebetsketen (Malas) in den Händen und beten vor sich hin.

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Auch dieses Heiligtum hat Schaden durch das Erdbeben genommen. Die Spitze der der riesigen Kuppel und die charakteristischen Augen wurden beschädigt, danach entfernt und jetzt komplett erneuert.

Nach dem buddhistischen Heiligtum fahren wir danach zum hinduistischen Heiligtum. Einer der stimmungsvollsten Orte in Kathmandu ist für mich Pasupatinath. Bereits bei unserer ersten Reise vor über einem Jahr haben wir diese „Begräbnisstätte“ besucht. Für einen Hindu gibt es nichts Erfüllenderes, als hier nach dem Tot verabschiedet, verbrannt und im Fluß als Asche auf den Weg ins Jenseits gebracht zu werden. Zum Glück gab es hier nur wenig Schäden durch das Erdbeben. Heute Abend gibt es eine besondere Zeremonie, an der wir teilnehmen wollen. Kerstin, etwas Abseits sitzend und die Stimmung mit der Musik und den Farben genießend, und ich mit der Kamera in der Hand direkt um das Geschehen herumspringend, um möglichst stimmungsvolle Bilder zu knipsen. Immer wieder einen Abend wert.


Einführung in Nepals High Society

Bei unserem Termin in der Deutschen Botschaft haben wir einen Kontakt zu einem Österreichischen Geschäftsmann bekommen, der in Nepal einen Deutsch-Nepalesischen Unternehmer-Stammtisch organisiert. Das klingt spannend. Also haben wir ihn angeschrieben und auf ein Bier eingeladen um von ihm mehr darüber zu erfahren, wie der Hase so in Nepal läuft und wie wir hier erfolgreich sein können. Er antwortet sofort und lädt uns zum Treffen in sein Familien-Restaurant nach Patan ein.

So langsam lernen wir, dass Patan, Kathmandus kleine Nachbarstadt, auch für uns wichtig ist.

Wir sind sofort per Du. Herbert. Er ist super nett, sehr offen und wir trinken erst einmal einen vorzüglichen Wein in seinem Restaurant. Hier ist es wie in Italien oder wie im Molinari in Berlin. Ein Treffpunkt von Familie, Freunden und Geschäftspartnern. Wir sitzen mit am grossen Familien-Tisch im Restaurant und lernen so auch seine Nepalesische Familie kennen. Alle gut ausgebildet, sehr freundlich und international erfahren. Deutsch sprechen sie zwar nicht, verstehen aber jedes Wort.

Und da gerade an diesem Tag das Nepalesische Neujahrsfest gefeiert wird, kommt eine Lokalprominenz nach der anderen in das Restaurant. Herbert kennt und begrüsst sie alle. Eine der reichsten Familien Nepals (so klärt uns Herbert auf) kommt spontan zum Abendessen vorbei. Das ist für uns eine ganz neue Welt. Die Welt der Upper-Class in Nepal haben wir bisher noch nicht erlebt. Wir waren in den Dörfern unterwegs, haben in Hütten Reis über dem offenen Feuer gekocht und unter einfachsten Bedingungen gelebt. Auch kennen wir den gehobenen Lebensstandard unserer Gastfamilie hier in Kathmandu. Aber das ist hier ist neu für uns. Wir gucken und staunen. Lauschen den Geschichten von Herbert und freuen uns darüber, dass auch hier unsere Taschen auf Begeisterung stoßen. Vielleicht schaffen wir es sogar ein paar Exemplare auf dem lokalen Markt zu vertreiben und damit die horrenden Transportkosten noch Deutschland zu sparen. Wir werden auf jeden Fall noch einmal wieder kommen, in dieses besondere Restaurant.


 

Morgen verlassen wir wieder unsere Heimat in Nepal und fliegen zurück nach Berlin. Es gibt noch einige Geschichten zu erzählen, was wir dann in den nächsten Wochen nachholen werden.

Namaste!

 

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Politik, Produktentwicklung und Mitarbeiterführung

Der Sommer kommt und es wird jeden Tag wärmer in Kathmandu. Das ist super, denn dann ist duschen mit kaltem Wasser auch ganz angenehm. Tagsüber ist es jetzt fast unerträglich heiss und eine dicke Smog- und Staub-Wolke liegt über der Stadt, die sich auch erst nach der Regenzeit wieder auflösen wird. Wir nutzen die Morgenstunden im Schatten und die kurze Zeit mit Strom und WLAN um unsere Bilder hochzuladen und uns mit der Welt zu verbinden. Danach geht es zu Shakti-Milan wo wir jeden Tag neue Produkte ausprobieren, diskutieren, anpassen, weiterentwickeln oder auch verwerfen.

Video von unserer Begrüßung: https://www.youtube.com/watch?v=yk0b6bOAY00

An Ideen mangelt es uns nicht und wir müssen stark aufpassen, dass wir uns nicht verzetteln. Es gibt so viele Möglichkeiten und jeden Tag bekommen wir aus dem Netzwerk von Freunden und Bekannten noch einige dazu. Vielen Dank für Euer Feedback und die vielen Anregungen an dieser Stelle.

Mittlerweile haben wir auch noch einiges an Hintergrundgeschichten erfahren, die Gokul und Prakriti sich aufgespart hatten um sie uns persönlich zu erzählen.

 

Leiser Abschied von Mahendra und Kalpana

Eine davon ist die Geschichte von Mahendra und Kalpana, die uns leider verlassen haben. Das Ehepaar aus der Kaste der Unberührbaren, war kurz vor dem Erdbeben im letzten Jahr zu uns gestossen, nachdem sie durch einen Brand in ihrem Dorf alles verloren hatten. Sie haben sich beide in den letzten Monaten prima entwickelt. Mahendra konnte alle Taschen nähen und wir haben ihn auch für die schwierigste -die Laptoptasche– ausgebildet.

Beide waren clever, fleissig und gut im Team integriert. Eigentlich eine Erfolgsstory. Und von einem auf den anderen Tag sind sie dann nicht mehr zur Arbeit gekommen. Auch waren sie nicht mehr zu erreichen. Prakriti hat tagelang versucht sie ausfindig zu machen, wie zuletzt nach dem Erdbeben, als wir schon befürchtet hatten, dass sie zu den Opfern gehörten. Irgendwann hat Prakriti dann doch mit Kalpana sprechen können. Ihr Mann, so berichtete sie, sei in die Golfstaaten unterwegs und sie könne als Frau nicht allein in Kathmandu bleiben und sei auf dem Weg zurück in ihr Dorf. Das ist ein trauriger Klassiker in Nepal. In der Hoffnung auf einen guten Verdienst, der die Familie ernähren kann, verlassen jedes Jahr tausende Nepalesen ihr Land um im Ausland, zumeist in den Golfstaaten, zu arbeiten. Dabei wandeln sie auf einem sehr schmalen Grad zwischen Menschenhandel und Gastarbeitertum.

Dabei dienen die Gelder in erster Linie dem Lebensunterhalt der in Nepal verbliebenen Familien. Wachstum und Investitionen sind damit nicht zu erreichen.

Wir wünschen Mahendra und Kalpana viel Glück und Erfolg und hätten wir von ihren Plänen gewusst, dann hätte es auch eine ordentliche Abschiedsparty gegeben.

 

Besuch in der Deutschen Botschaft

Heute sind wir aufgeregt, denn wir haben einen offiziellen Termin in der Deutschen Botschaft mit Dirk Steffes-enn, Erster Sekretär der Deutschen Botschaft in Kathmandu und verantwortlich für Entwicklungsprojekte und NGOs.

Schon gestern abend haben wir uns auf diesen Termin vorbereitet. Zu viert auf dem Bett, mit Laptop und Büchlein haben wir uns überlegt, was wir vermitteln und was wir aus diesem Termin mitnehmen möchten, die Sprechrollen verteilt und die Zahlen, Daten und Fakten geübt. Und natürlich die wichtigste aller Fragen diskutiert: „Was ziehen wir an?“

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Geschniegelt und gestriegelt machen wir uns mit den Scootern auf den Weg zur Botschaft. Noch einmal kurz aufs Dach und Foto machen, weil wir ja gerde alle zu repräsentabel aussehen. Dann noch ein kurzer Abstecher zu Shakti Milan, denn dort liegen noch die Visitenkarten… Die Zeit wird allmählich knapp. Gokul eruiert noch einmal, ob die angegebene Uhrzeit für den Termin einen Spielraum beinhaltet. Nein, sagt Oliver. Die Botschaft befindet sich sozusagen in Deutschland und da wird erwartet, dass wir pünktlich sind. Naja, am Eingangstor der Botschaft waren wir immerhin um punkt 13 Uhr. Dass es so lange gedauert hat, bis wir durch die Sicherheitskontrollen durch waren, dass konnte man nun wirklich nicht ahnen ;-)).

Der Termin läuft gut. Herr Steffes-enn ist super nett und wir bekommen die Gelegenheit Shakti Milan, unsere Vision und unsere Pläne vorzustellen. Dazu erhalten wir noch einige weitere Kontakte, die wir in den nächsten Tagen angehen und viele interessante Einblicke in die Deutsch-Nepalesische Zusammenarbeit hier im Lande. Mehr als 130 Deutsche NGOs sind der Botschaft bekannt, die in Nepal Entwicklungshilfe leisten. Direkt nach uns werden die Zahnärzte ohne Grenzen in der Botschaft vorstellig, die gerade Schwierigkeiten haben ihre Ausrüstung durch den Zoll zu bekommen.

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Das Gruppenfoto, was wir zum Abschied vor der Botschaft machen, ist der Renner in Nepal. Gokul teilt es direkt auf Facebook und bekommt hunderte von Likes aus seinem Netzwerk. Die Gelegenheit in die Deutsche Botschaft zu kommen, haben die meisten Nepalis nur, wenn sie ein Visum beantragen, nicht aber um sich über eine Stunde mit einem Repräsentanten der Botschaft zu unterhalten.

Am Abend trinken wir darauf ein Everest Bier!

 

Arbeitgeberattraktivität in Nepal

In unserem neuen Show-Room steht ein schwarzes Sofa aus Kunstleder. Schön ist es nicht (zumindest für meinen Geschmack) aber eindrucksvoll. Irgendwann frage ich Prakriti, wo wir denn das Sofa herhaben. In unserer Buchführung habe ich diesen Posten nicht gesehen. Auch nicht den schweren Schreibtisch, der im selben Raum steht. Sie grinst mich an, und sagt „it’s my personal investment“. Und damit ist die Sache vom Tisch. Irgendwie finde ich das interessant und will es verstehen. Möbel sind unheimlich teuer in Nepal, das weiss ich.

Ein paar Tage später nehme ich einen neuen Anlauf. „Woher kommen die Möbel?“ Prakriti erklärt es mir. Erst, so sagt sie, wollten sie kein Geld für Möbel ausgeben, aber dann haben wir den Effekt gesehen, den allein das Streichen des Show-Rooms bei den Shakti Milan Ladies hatte. Auf einmal sehen sie uns als ein richtiges Unternehmen, nicht nur ein Raum voller Nähmaschinen. Wir haben einen Nähraum, ein Lager und ein repräsentatives Office / Show-Room. 3 Räume also. Das signalisiert Sicherheit und fördert das Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit von Shakti Milan. Das Sofa und der Schreibtisch verstärken diesen psychologischen Effekt. Und die Möglichkeit, Einzelgespräche mit den Team-Mitgliedern zu führen (Prakriti hinterm Schreibtisch und das Team-Mitglied gegenüber auf dem schwarzen Sofa), hat erheblich zur Stabilisierung des Teams beigetragen.

Tja, während wir in Europa gerade hippe Co-Workingspaces auf Augenhöhe einrichten, um Arbeitgeberattraktivität zu fördern, zählen hier noch Hierarchie und Einzelbüro. Zwischen diesen beiden Welten zu pendeln, immer mit dem Ziel etwas zu bewegen und zu erreichen und sich dafür der jeweiligen Kultur anzupassen, das macht mir einen riesen Spass.

 

Besuch im Krankenhaus

Oliver: Ich habe Gokul gebeten mich mitzunehmen, wenn er für die nächste Aktion in dem Erdbebenhilfe-Projekt zur Traumabewältigung bei Kindern unterwegs ist. Viele Kinder mussten während des Erdbebens direkt miterleben, wie Familienmitglieder verschüttet werden und auch starben. Gokul hat mit seiner Organisation Access Nepal eine Initiative ins Leben gerufen, in der Teams ausgebildet werden, die den traumatisierten Kindern helfen können („Post-Disaster Mental Health Support Program“). Mit den Spenden, die wir im letzten Jahr mit unserer Aktion „We are Nepal“ gesammelt haben, unterstützen wir diese Initiative nun schon seit fast einem Jahr.

Nun hatte ich die Möglichkeit den 14jährigen Khum samt Mutter und Cousine und Gokul ins Krankenhaus zur Nachuntersuchung zu begleiten. Khum kommt aus einem Dorf in Sindhupalchok, in dem Kerstin vor einem Jahr nach dem Erdbeben auch Ersthilfe geleistet hat. Bei dem Erdbeben musste er den Tod seiner Großmutter miterleben, nachdem kurz vorher bereits sein Vater verstorben war. Inzwischen wird er dabei begleitet diese Erlebnisse zu verarbeiten. Das Programm hat 18 weitere Kinder vor Ort in der Schule identifiziert und hilft allen.

Bevor man zum Arzt kommt, muss man ein Ticket kaufen. Das „Teaching Hospital“ hat an einem Tag in der Woche „Kindertag“ wo alle Abteilungen zur Behandlung speziell für Kinder geöffnet werden. Das Ticket deckt die Kosten für den Arzt ab und weist einen Termin zu. Wir warten in der Wartehalle knapp über eine Stunde und ich versuche mich mit Khum über allgemeine Dinge zu unterhalten. Er kann ein ganz wenig Englisch und Gokul übersetzt den Rest.

Plötzlich taucht ein Mann auf und es kommt Bewegung in die Gruppe. Gokul geht mit der Mutter, der Cousine und dem Jungen zum Arzt, ich bleibe draußen. Nach wenigen Minuten kommen sie wieder und sind alle zufrieden. Der Junge macht Fortschritte und soll nun zusätzlich zum seinen Medikamenten täglich entspannende Übungen praktizieren. Alle zusammen verlassen wir das Krankenhausgelände um uns zu stärken.

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Direkt vor den Toren des Krankenhauses gehen wir aber zuerst zur Apotheke. Diese hat ungefähr die Größe eines Zeitungskiosks in Deutschland. Hier kauft Gokul die Tabletten und bezahlt. Die Familie selber könnte sich die Tabletten nicht leisten.

Doch nun wollen wir uns stärken und stoßen mit Fanta und einer Portion MoMos auf den glücklichen Moment an.

Stolzes Team mit tollen neuen Taschen

Überraschung bei Shakti Milan

Freitag, 1. April: Ankunft in Kathmandu und Überraschung bei Shakti Milan: Kein Aprilscherz

Wir haben die Taschen dann doch wieder voll bekommen. Mit über 70 KG Gepäck sind Oliver und ich (Kerstin) gut und sicher in Kathmandu gelandet. Schon im Landeanflug konnten wir sehen, dass jetzt Trockenzeit ist. Die oft so grünen Reisfelder sind größtenteils unbepflanzt und es herrscht Wasserknappheit, insbesondere im Kathmandu-Tal.

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Gokul und Krishna holen uns vom Flughafen ab. Wir bekommen zur Begrüssung jeder den obligatorischen orangenen Blumenkranz umgehängt, den sie auf der Fahrt zum Flughafen am Tempel gekauft haben. Die Freude des Wiedersehens ist schon am Flughafen groß. Dann aber schnell alle Taschen in ein Mini-Taxi reinstopfen und ab nach Hause. Klein Shakti, die neugeborene Tochter von Gokul und Prakriti, ist aufgewacht und erwartet uns. Oliver und ich passen gerade noch ins Taxi, Gokul und Krishna fahren auf dem Scooter zurück. „Du kennst ja den Weg, musst den Taxifahrer anleiten…“ ruft mir Krishna noch beim Abfahren zu, lacht und verschwindet mit dem Scooter um die Ecke.

In den Strassen von Kathmandu wuselt es wie immer. Ich versuche zu erkennen, ob man die Auswirkungen der monatelangen Versorgungs-Blockade direkt erkennen kann. Ist weniger Smog da, weil nicht so viele Fahrzeuge unterwegs waren? Nein, eigentlich nicht. Über der Stadt hängt eine Dunstglocke vom Feinsten und die Berge kann man nicht mal erahnen. An jeder Ecke wird gebaut, erkennen wir vom Taxi aus. Nachdem endlich wieder Waren ins Land kommen, können die Aufbauarbeiten nach den großen Erdbeben im vergangenen Jahr endlich weiter geführt werden. Auch in Kathmandu leben immer noch sehr viele Menschen in Zelten.

Angekommen zu Hause bei Gokul und Prakriti werden wir von allen begrüsst und bekommen unser Willkommens-Tika (ein roter Farbpunkt auf der Stirn, ungünstig, wenn man Pony trägt… hatte ich irgendwie verdrängt). Das Shakti-Baby ist ein echter Wonneproppen. Erst 3 Monate alt und schon an die 7 KG schwer. Und soooo suess!! Deswegen wird sie auch ununterbrochen von einem Familienmitglied durch die Gegend getragen. Alle wollen sie mal auf den Arm nehmen und es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ich auch an die Reihe komme. Immerhin schreit sie nicht mehr bei weißen Menschen, seit eine Voluntärin im Hause ist und Little Shakti sich an ein weißes Gesicht gewöhnt hat.

Wir sind eigentlich ziemlich fertig von der Reise und wären gerne nach dem Milchtee zur Begrüssung noch für ein paar Stündchen ins Bett gegangen. Aber die Ladies von Shakti Milan warten auf uns und so geht es gleich weiter mit dem Scooter in unsere kleine Taschenmanufaktur.

Was uns dort erwartet ist echt der Hammer und auch kein Aprilscherz. Alle Damen anwesend. Natürlich werden wir wieder mit orangen Blumenkränzen empfangen. Wir kommen in einen neuen Nähraum, der jetzt ein größerer ist mit hellem Tageslicht und frisch gestrichenen Wänden. Alles super ordentlich und professionell. „Wow, wann seid ihr umgezogen? Habt ihr gar nicht erzählt“, sage ich. Ein Mega-breites Grinsen auf Gokuls und Prakritis Gesicht. „Ja, wir brauchten mehr Platz, aber komm weiter….“ Und dann werden wir in einen weiteren Raum geführt. Unser erster Show-Room. Der Knaller!

Abends erfahre ich von Marlene, der Voluntärin bei uns im Haus, dass sie seit Tagen damit beschäftigt waren diese beiden Räume herzurichten und alle Voluntäre, die das Projekt besuchen wollten auf später vertröstet wurden, da alle vollauf mit den Vorbereitungen für unseren Besuch ausgelastet waren. Ich bekomme Gänsehaut als ich die ganzen neuen Prototypen sehe. So schön dekoriert. So toll verarbeitete Taschen. Alles so liebevoll in Szene gesetzt. Stumm umarme ich Prakriti. Danke sagt man in dieser Kultur nicht. Man denkt es vom Herzen und das Gegenüber spürt es dann. Ich bin unendlich stolz auf dieses Team und was sie in nur ein paar Monaten alles auf die Beine gestellt haben.

Dass es nicht einfach war, das ist uns klar. Welche Hürden sie genommen haben, erfahren wir in Ansätzen beim Milchtee bei Praktitis Eltern und auf dem Weg zurück nach Hause. Wir reden alle wie die Wasserfälle. Dass wir noch längst nicht alles wissen, ist auch klar. Dies ist eine Kultur, in der Zeit unbegrenzt vorhanden ist und nicht linear gemessen wird. Für alles ist der passende Moment und für viele Neuigkeiten muss der passende Moment noch kommen. Für heute haben wir schon sehr sehr viel gesehen und erfahren.

Bei der obligatorischen Baby-Massage am Abend haben Prakriti und ich noch ein bisschen Gelegenheit zum sprechen. Sie berichtet über die schwierige Geburt der kleinen Shakti und die ersten Wochen mit ihr. Kein Wunder, dass sich ab jetzt alles um dieses winzige Geschöpf dreht, nach alldem, was hinter der kleinen Familie liegt.

Samstag: 2. April: Schlafmangel und Besuch

Gestern haben wir trotz Schlafmangel und Jetlag gut durchgehalten. Aber heute hängen wir in den Seilen. Ein spätes Frühstück und danach direkt ein Mittagsschläfchen. Es ist Samstag, der einzige freie Tag in der Woche und wir lassen es langsam angehen.

Am Nachmittag kommt Krishna mit Gisela, einer Urlauberin aus Neuss, vorbei. Wir trinken unseren Milchtee auf der Terrasse, essen ein vorzügliches Dal Baht mit Gemüse-Curry und philosophieren über das Yoga-Center, was Krishna gerade aufbaut und wie wir ihn dabei unterstützen können. Wir bewundern natürlich auch alle neuen Taschen-Typen, die wir gestern aus der Manufaktur mitgenommen haben und beratschlagen, was wohl davon gut ankommt und wo wir noch mal etwas anpassen würden.

Kaum dass sich Krishna und Gisela wieder auf den Rückweg nach Pharping ins Dorf gemacht haben, kommt Kathrin zu Besuch. Was für eine tolle Überraschung! Kathrin habe ich vor genau einem Jahr hier kennen gelernt und seit dem ist sie in Nepal. In der Zwischenzeit hat sie viel erlebt und Unglaubliches auf die Beine gestellt, über das man ganze Bücher schreiben könnte. Wir verbringen einen super netten Abend, essen Reis mit Pommes, bewundern klein Shakti, die glitschig wie ein Fisch ihre Baby-Massage vor dem Heizstrahler geniesst und diskutieren über Märkte, Preise, Labels, Plattformen, Social Media, Reisverschlussköpfe, und vieles mehr.

 

Internet und Strom gibt es in den nächsten Tagen eher wenig, meistens nur Nachts. D.h. wir müssen wieder anfangen alle unsere Geräte strategisch aufzuladen, damit sie bis zum nächsten Strom-Schub durchhalten. Wasser ist im Moment auch Mangelware und Gas und Benzin nach wie vor nur auf dem Schwarzmarkt zu haben. Gut, dass wir die Schlafsäcke dabei haben, denn es ist doch noch relativ kalt hier in Kathmandu.

Kinder trans home gross (1)

Wie lebt es sich mit 10 Kindern und 2 Familien in einer kleinen Erdgeschoss Wohnung?

Das Übergangsheim für ehemalige Kinderarbeiter (Transitional Home) unserer Partnerorganisation ACCESS ist durch das zweite große Beben leider im Moment unbewohnbar geworden. Gokul und Prakriti haben die zehn Kinder vorübergehend bei sich zu Hause aufgenommen. Gokul hat uns jetzt einen sehr persönlichen Erfahrungsbericht vom Miteinander der letzten Wochen geschickt. Darin beschreibt er seine Beweggründe, die Kinder zu sich zu nehmen, den Spaß, den sie zusammen haben, wie seine Mutter sich um die Kinder kümmert und wie schwer es ist, ein neues und dauerhaftes Heim für die Kinder zu finden. Hier Gokuls Bericht (in englisch):

„25th of April is not just a day, but a history in itself. This is a day that saw a series of terror of a massive earthquake of 7.8 magnitude that killed nearly 9000 people and destroyed a half of million houses leaving million of people in dismay, uncertainty and never healing scar throughout the life .

I also witnessed the horror of the devastating earthquake and experienced it with a great dilemma and psychological stress. At that very time of earthquake, I was at home. The home, all of a sudden, shaked violently as if it would collapse on us in no time and crushed us to death. Luckily I along with my family managed to rush to the outside to the open safe place. Still the ground was shaking and roaring with a strange but very frightening sound of the quake. The environment was full of chaos and terrifying as people were rushing frantically out of their homes and screaming in fear.

The children in the transit home came into my mind. I tried several time to contact them. But sadly the mobile network was not working. My family is safe and right in front of me. But fate of the children was unknown, though they live just a 20 minute drive from my home. I was not in position to move to the transit home as the after shocks one after another was hitting. The unknown status of the children was killing me with desperation and extreme anxiety. After a while as the terror of the aftershocks became feeble, I drove to the transit home with my better half on a bike.

In the location area where I live and transit home is situated, the majority of the houses are new and made of a new technology that they were safe and withstanding the earthquake. Seeing the house standing unhurt on the way was installing courage and positive thought on me regarding the fate of the children. When I saw them in a nearby ground safe and sound, I heaved a sigh of relief finally. Our hostel warden was so good in her work that she managed to get all children out of the house without anyone hurt.

The quake has damaged the walls of the transit home with multiple cracks in every room. Upon inspection by an engineer, he tagged the house safe to live, but definitely precaution was strongly advised as in case same magnitude quake hit, then such already damaged house would fall prey to the quake. We set up a makeshift tent shelter in the open ground. Children along with other community people stayed outside in the open ground for next 10 days. Everyday and night I had to visit the children couple of times in a bid to fulfill my duty and console my mind and heart as when I was with the children, my thought was filled with the concern for my family who were outside of my sight and vice versa. The concern for my family and children kept my mind and body busy and occupied that I turned into literally physically weak and mentally tired. The situation was tense beyond words. The safety of the 10 children in such crisis was adding more responsibility on my shoulder. Child trafficking and abuse was also reportedly increasing taking advantage of the crisis by human traffickers. Since our children were living outside in the tent open in the ground that could lead to the possible abuse and trafficking. So everyday protection skills were oriented and reoriented to the children, which many times I had felt they were bored of listening same protection skill from me and hostel warden. But we could not stop the orientation. After ten days tent life, our children got back to the damaged house, which was declared safe by engineer to live in. But the mental impact for the children to see crack in the wall of their home would definitely be doing no good. But we did not have other alternative. For their confidence to boost up, an engineer was also asked to brief to the children about the non danger damage inflicted to the house in addition to our repeated counseling and informal talk.

From the 4th day of the disaster, we had started organizing and travelling to some of the worst hit villages, where we were the first to deliver the relief materials, consisting of first aid, plastic tents, clothes, dry foods and sanitary items including water purification tablets. We reached hundreds of households with our relief materials. We had a great company of Kerstin Prothmann during our all village trip. Kerstin is a true inspiration for us for our untiring efforts. It was truly unbelievable to see her vigorous engagement in the relief mission at such crisis-ridden area.

As, with time, slowly we were returning back to a normal and everyone including the geologist were spreading the positive message that the earthquake is over and time is absolutely safe to return to home, 12 May brought another series of terror with another massive earthquake of 7.3 magnitude rising death toll and destruction.

Again the children in the transit home were pushed to the open ground. The building got new cracks and we set up a temporary shelter out of the tent. We did not know how long we had to stay outside. With this new massive earthquake, uncertainty was rose to next level beyond imagination. And it had already tired me up. My dilemma again resurfaced in a big way.

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Finally I decided to bring children at my home and I could have my family and children together right in front of my home. This could give peace. Yes, truly it was an immense relief for me to have both my family and children together all the time under my surveillance.

Luckily our house sustained no significant damage labeling it a safe house. Children my family and another family shared the basement of our house. They have also an open space right in front of my house, where they could run for safety in case the quake hit. My mother has been a great entertaining companion for them. Together they do many things from washing, cleaning, farming, singing, dancing, playing to gossiping till late night. My mother shared the room with them.

It’s really a great fun to stay overnight with kids listening to their chat, their talk, discussion and argument and suddenly coming to us for confirmation of their discussion to finalize the winner. They smile all the time. Our day starts with their smile. The youngest boy greets everyone of us every time we meet as ‚ good morning ‚ even in the night. Everything is refreshing even in the scorching heat of summer as children bring funny and strange issues and activity.

And the day is even more crowded with the kids of child care center coming in. Sometimes we are altogether 30 people in the basement.

For last 3 days the night is bit under control and little cold too because of the rain. But the day is still hot. Now the rainy season has started. Hope it will give us some relief from the heat.

Mosquito is a problem but we use net and a chemical to protect ourselves and the kids from it.

Basement shelter brings kids closer to us. Everyday they want either ice-cream or mango or chocolate. So no day is left without their demand and they have a trick, one day one kid wants to have ice cream and the very next day the other kid wants to have chocolate. So everyday someone new is ordering new things. Kids are really smart.

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Even small aftershock makes them so alert and all of then run away towards the open ground in front of the house. It is even more funny, because none of our neighbors is coming out but our kids do it with strange sound making the environment scary. Our kids are causing trouble to some of our neighbors by their stupid action.

I gave them a military like training. They have dry food, water and some basic medicine standby in a bag. So whenever the aftershocks hit, they run away with the bag. Sometimes the problem is the bag as many children want to run with the bag. Children struggle to be a lucky one to get the bag and fight erupts among them to claim the bag instead of running out. Now only the hostel warden is permitted to carry that so special bag.

Fifty thousands houses have been damaged just in Kathmandu valley. Even in a normal time, finding home for a child related project itself is a huge challenge. Now   in such crisis ridden time, the challenge has become even larger. In the transit home the load bearing structure is intact without any damage. The walls are damaged and now being demolished and new walls will be erected. This is all being done as per the technical advice of an engineer. So it is completely safe to stay in the transit home once repair completes. It is not optimal and we need to find a new sustainable solution to host the kids. But for the time being we don’t have another alternative than getting back to the repaired house. When we will be able to reach our target fund raise, we will buy land for the transit home and construct an earthquake resistant house.

Now our transit home is undergoing the repairment. It will take some more weeks to get the transit home ready. Till then these amazing children will stay with us and keep on amusing us with their unpredictable nature and action.

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Nepal kommt nicht zur Ruhe

SHAKTI MILAN BAGS Team übersteht auch das zweite große Erdbeben
Wir konnten es kaum fassen. Da hatten wir mühsam ein bisschen Normalität zurückgewonnen und unsere Taschen-Produktion mit neuem Elan und Verstärkung im Team wieder aufgenommen und dann erschüttert am 12. Mai ein neues großes Beben die Region und das Team. Was für ein Schock!

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Auch dieses Mal haben es alle Teammitglieder körperlich unversehrt überstanden. Dafür sind wir sehr dankbar! Die Angst sitzt dennoch bei jedem Atemzug im Nacken. Die Menschen schlafen wieder draußen unter Plastikplanen. Der Monsun kündigt sich bereits mit ersten Regenschauern an und es ist allen klar, dass damit in den Bergregionen neue Erdrutsche zu erwarten sind. Eine Perspektive, wann die Erde sich beruhigt, wie lange der Ausnahmezustand andauern wird, gibt es nicht.

Wir helfen, wo wir können
Noch kurz vor dem großen zweiten Erdbeben war unser Team in der stark betroffenen Region Nuwakot im Einsatz. Dort wurden Nahrungsmittel, Kleidung und Plastikplanen an die Dorfbewohner verteilt und medizinische Hilfe geleistet.

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Diese Anfahrt war bereits mühselig und kommende Fahrten werden mit jedem neuen Beben und einsetzendem Monsunregen immer gefährlicher. Aktuell prüfen wir noch genauer wie hoch das Risiko der Hinfahrt aber insbesondere auch des Rückweges ist. Ein Erdrutsch und der Rückweg ist abgeschnitten. Niemandem ist geholfen, wenn unsere Leute irgendwo in der Bergregion festsitzen und nicht wieder zurückkommen.

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Kinder brauchen ein neues Zuhause
Das Übergangsheim für ehemalige Kinderarbeiter unserer Partnerorganisation ACCESS ist durch das zweite große Beben jetzt leider unbewohnbar. Zehn Kinder haben ihr Dach über dem Kopf verloren und suchen nun ein neues Zuhause, bis sie wieder in ihre Ursprungsfamilien reintegriert werden können. Und das kann in der aktuellen Situation dauern, da fast alle Kinder aus Dörfern kommen, die durch das Erdbeben stark zerstört wurden. Gokul und Prakriti, unsere Nepalesischen Partner, haben diese Kinder bei sich zu Hause aufgenommen. Zwei Familien und die zehn Kinder sind aktuell in drei noch bewohnbaren Erdgeschossräumen zusammengerückt. Auch das ist Nepal: die Menschen halten in der Not zusammen.

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Sobald die Erde sich ein wenig beruhigt hat, lädt Shakti Milan Bags die ganze Mannschaft und auch das Nähteam erst mal zum Kino-Abend ein. Nach all den schlimmen Bildern und Erlebnissen, die zu verarbeiten sind, brauchen alle jetzt ein Bisschen Lachen und Freude. Und natürlich sind wir auch bei der Suche nach einem neuen Kinder-Übergangs-Heim mit Herzblut und finanzieller Unterstützung dabei.
Auch die regelmäßige medizinische und psychologische Betreuung in den Dörfern und vor allem der Kinder, werden wir mit Euren Spendengeldern weiter fortführen. Herzlichen Dank, dass Ihr das möglich gemacht habt!

Konzert zu Gunsten von Nepal
Die ehemalige Voluntärin Evelyne Schertlin organisiert eine Benefiz Veranstaltung für die Menschen in Nepal. Neben besonderen Musikerlebnissen können auch unsere SHAKTI MILAN BAGS Taschen käuflich erworben werden. Natürlich geht der gesamte Erlös nach Nepal.

Der Ort Behringersdorf liegt im Landkreis Nürnberger Land und ist ein Ortsteil von Schwaig bei Nürnberg. Der Ort liegt an der Bundesstraße 14 zwischen Nürnberg und Rückersdorf im Pegnitztal.

Benefitzkonzert We are Nepal

Keine Müllhändler mehr in Kathmandu
Und auch auf anderer Ebene stellt uns das Erdbeben-Chaos vor neue Herausforderungen. So ist es im Moment echt schwer an die Materialien für unsere Taschen zu kommen. Die Müllhändler, von denen wir unsere Reissäcke beziehen, stammen alle aus dem Flachland im Süden des Landes (Terrai), das einigermaßen Erdbebensicher ist. Dorthin sind sie jetzt zurückgekehrt und in Kathmandu ist das Müllsystem zusammengebrochen. Unsere Stoffe, Reisverschlüsse und Nähmaterialien kaufen wir bei Großhändlern in der Altstadt von Kathmandu ein. Dieser Stadtteil ist stark zerstört und die Häuser, die noch stehen, sind extrem einsturzgefährdet. Auch hier sind die Geschäfte geschlossen und ein Einkaufsbummel definitiv nicht angeraten. Aber Gokul und Prakriti sind mit allen Wassern gewaschen und wir sind sicher, sie werden auch unter diesen erschwerten Bedingungen eine Lösung finden und das Team zusammenhalten.

Ihre Spende gibt den Kindern wieder ein Dach über dem Kopf

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Nach schneller Hilfe kommt nun die nachhaltige Hilfe

Nachdem wir in den letzten Tagen vor Ort in den Dörfern Nahrung, Kleidung und Medikamente ausgeteilt haben, konzentrieren wir uns jetzt darauf langfristig zu denken und zu planen. Die Versorgung durch die nationalen- und internationalen Hilfsorganisationen steht weitgehend und der Verteilungskampf ist teilweise erbittert. Hilfsgütertransporte werden unterwegs ausgeraubt, Leute kämpfen um die Nahrungsmittel, andere horten was sie kriegen können…. Das Land ist korrupt bis in den letzten Winkel, leider. Von daher sind wir wirklich sehr bedacht unsere Ressourcen nicht mit der Giesskanne zu streuen sondern ganz gezielt denjenigen zukommen zu lassen, von denen wir sicher sind, dass sie sie brauchen und auch bekommen. Hier habe ich vollstes Vertrauen in Gokul und Prakriti, die hier in den wenigen Tagen echt Berge versetzt haben um schnell und unkompliziert zu helfen.

Inzwischen finden unsere erfolgreichen Aktionen auch Resonanz in den Medien. Nachdem das italienische Fernsehn berichtet hat, gibt es z.B. einen Bericht in der Rheinischen Post und in der Neuen Westfälischen.

Vor allem unser Medizinstation war sehr erfolgreich. Wir planen das in den nächsten 12 Monaten auf regelmäßiger Basis weiterzuführen und auch mit Psychologen zu arbeiten, um die traumatisierten Menschen aufzufangen. Mit Essen dürften inzwischen die meisten Regionen versorgt sein. Ausserdem haben wir hier Frühling mit dem Unterschied zu Deutschland, dass bereits geerntet werden kann. Obst und Gemüse steht zur Verfügung.

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Und wir konzentrieren uns wieder darauf, unser Social Business Shakti Milan Bags auszubauen.

Wir unterstützen gerade ein Ehepaar aus der Unberührbaren-Kaste, die durch einen Brand in ihrem Dorf alles verloren haben. In der Hoffnung auf einen Neuanfang sind sie nach Kathmandu gekommen; um dort vom Erdbeben erwischt zu werden. Die beiden haben nicht mehr, als das, was sie am Leib tragen und wir helfen mit Nahrung, Kleidung und Unterkunft. Der Mann Mahendra kann auch nähen. Wir prüfen gerade, ob wir ihn in unser Team mit aufnehmen können, obwohl er nicht in unsere Zielgruppe von bedürftigen Frauen passt. Aber wir wollen nicht diskriminieren und er ist definitiv in einer schwierigen Situation.

Gemeinsam mit Sunita entwickeln wir gerade neue Produkte, die wir dann hoffentlich schnell auch auf den Markt bringen können. Denn wir sind überzeugt, eine langfristige Unterstützung kann nur durch eine Beschäftigungsmöglichkeit mit regelmäßigem Einkommen erreicht werden. Und daran arbeiten wir jetzt.

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Auch die Zusammenarbeit mit einem neuen Team haben wir wieder aufgenommen.

Prakriti und ich sind durch die zerstörte Stadt nach Patan gefahren, um dort mit den Dharka Damen weiter zu arbeiten. Das ist ein ganz kleiner Familienbetrieb, in dem Frauen wunderschöne Schals mit der Hand und auf antiken Webstühlen weben. Sie sind sehr fleissig, leben aber auch von der Hand in den Mund. Vielleicht gelingt es uns gemeinsam mit ihnen ein Muster zu entwickeln, das wir dann auch in einiger Zeit in unsere Kollektion aufnehmen können. Damit hätten sie eine echte Chance mit ihrem Handwerk zu überleben und Shakti Milan Bags kann seine Produktpalette sinnvoll erweitern.

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Die Situation in Kathmandu normalisiert sich langsam. Es gibt Lebensmittel, die Geschäfte öffnen wieder, Wasser scheint zumindest in dem Bezirk in dem ich wohne kein Problem zu sein. Weite Teile der Stadt sehen so aus, als wenn nichts gewesen wäre. Chaotisch und dreckig war es auch schon vorher. Aber die Beben hören nicht auf. Auch gestern hatten wir wieder ein Beben der Stärke 5. Die Altstadt mit den vielen instabilen und zerstörten Häusern meiden wir lieber, denn mit jedem Beben drohen die wackeligen alten Häuser zusammen zu brechen. Für die Besorgung von unseren Nähmaterialen ist das wirklich schlecht, denn die meisten Sachen, die wir jetzt benötigen gibt es nur da. Aber wir wären nicht in Nepal, wenn wir nicht einen Weg finden würden.

Das Land wird noch sehr lange brauchen, bis diese Naturkatastrophe überstanden ist. Die Regenzeit ist im Anmarsch. Damit drohen die durch das Beben destabilisierten Terrassenhänge abzurutschen. Weitere Erdrutsche werden erwartet. Die Krankheiten, hervorgerufen durch schlechtes Trinkwasser, infizierte und nicht versorgte Schnittwunden und das Überleben im Freien ohne Dach über dem Kopf, werden in den nächsten Monaten noch einige Menschenleben fordern. Die Menschen sind den Launen der Natur hier hautnah ausgeliefert. Zudem kommt noch eine unfähige Regierung, viel Politik und ein weitgehend korruptes System. Ein Einnahmezweig, der Tourismus, ist weitgehend weggebrochen und lässt viele Guides und Träger ohne Arbeit zurück. Und trotzdem ist dieses kleine Land wunderschön und hat eine ganz einzigartige Kultur und Menschen mit ganz großen Herzen. Und ich bin sehr stolz darauf mittlerweile ein Familienmitglied einer ganz besonderen Familie geworden zu sein. Menschen wir Gokul und Prakriti sind einzigartig.

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Die Regierung ist untätig und Shakti Milan Team hilft

Der Tag heute beginnt mit Routinen. Gokul und Prakriti waschen gemeinsam auf dem Dach ihre Wäsche und scherzen dabei. Diese Normalität tut wirklich gut. Gleich werden wir losfahren um in einer anderen Region unsere Lebensmittel und Medikamente zu verteilen. Gestern waren wir die ersten in der stark betroffenen Region Sindhupalchok, mittlerweile sind alle Hilfsorganisationen aktiv und viele private Initiativen ebenso. Auch die Regierung bewegt sich ein bisschen und zeigt zumindest in den leicht zugänglichen Regionen erste Präsenz. Weiterhin gibt es keine zentrale Koordination, sodass es gar nicht so leicht ist, einen Ort zu finden, an dem die Hilfsgüter wirklich benötigt werden und den man ohne Hubschrauber erreichen kann.

Gokul hängt den ganzen Morgen am Telefon, um mit Leuten aus den verschiedenen Dörfern zu kommunizieren, um herauszufinden wo genau unsere Reise heute am besten hingehen soll. Unseren ursprünglichen Plan mussten wir verwerfen, denn wir haben erfahren, dass dort schon mehrere Organisationen angekommen sind. Wie gesagt, gibt es so gut wie keine zentrale Koordination der Einsätze. Viel läuft über soziale Medien, wie Facebook.

Die Inaktivität der Regierung ist erschütternd. Gestern habe ich mit jemandem gesprochen, der für die Regierung arbeitet. Er sagte mir, dass zum Zeitpunkt der Katastrophe alle hohen Verantwortungsträger gemeinsam in einem Yoga Seminar gesessen hätten. Und auch lange nach dem die Katastrophe bekannt war, keinerlei Initiative gezeigt hätten. Es gibt eine Anweisung an alle Beschäftigten der Regierung täglich im Office zu sein. Das Office ist hoch Erdbeben gefährdet. Auf die Frage, was denn zu tun sei, gab es wohl die Antwort „nichts“… einfach da sein. Dieser Aufforderung kommt kaum jemand nach, denn jeder versucht sich in Sicherheit zu bringen. China wollte direkt 16 Helikopter schicken, was die Regierung abgelehnt hat, da es irgend eine Befindlichkeit mit der indischen Regierung gab. Offiziell hieß es der Flughafen sei überlastet. Viele Ärzte sind nicht mehr im Krankenhaus. Sie sind zu Hause bei ihren Familien oder haben sich auf dem Land in Sicherheit gebracht. Es gibt hier wirklich zwei Sorten von Menschen. Die einen, die nur an das eigene Wohlbefinden denken und Medikamente und Nahrungsmittel für sich und Ihre Familie horten. Und dann gibt es die anderen, die ohne zu zögern aufbrechen um irgendwie zu helfen. Das Land verfügt mittlerweile über jede Menge Spendengelder. Wichtig ist, dass auch die Regierung dafür verantwortlich gemacht wird, wie mit diesen Geldern umgegangen wird.

Wir haben wieder den LKW gepackt und sind aufs Land gefahren. Überall, wo die Zerstörung nicht groß war und die Menschen noch Lebensmittel und ein Dach über dem Kopf haben, sind wir weitergefahren. Immer tiefer in das Bergland hinein und die Straßen wurden immer schlechter. In Thokarpa Village im Distrikt Sindhupalchowk machen wir Halt. Es ging so weit, dass wir einen Teil der Vorräte und Medikamente abladen mussten und nur mit halber Fracht die Wege hinauf zu den Bergdörfer gefahren sind. Vor Ort mussten wir dann warten, bis der LKW wieder zurückgefahren, neu aufgeladen und wieder hochgekommen ist. Einige Helfer sind zu Fuß gegangen und haben 5h gebraucht und kamen erschöpft bei uns an.

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Hier war die Koordination vor Ort schwieriger. Leider klappte es diesmal nicht so gut eine Art Kommitee zu gründen, um die weitere Verteilung insbesondere für die noch weiter im Berg gelegenden Dörfer zu organisieren. Aber mit ordentlich Nepali-Style haben wir auch das hinbekommen.

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Es war schon sehr spät als wir dann wieder Richtung Kathmandu aufbrechen konnten. Die Nacht war aber warm und der Mond schien hell vom Sternenklaren Himmel. Nepal ist wunderschön.

EIN GROßES DANKESCHÖN AN DIE HELFERINNEN UND HELFER!

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Für viele die erste Nahrung nach vier Tagen

Heute Morgen waren wir bereits um kurz nach sechs alle auf den Beinen. Gokul und Prakriti waren ohne Unterbrechung am telefonieren und koordinieren – den Jeep, die Medikamente, die Freiwilligen, die Lebensmittel. Alles musste irgendwie organisiert werden. Und da haben die beiden wirklich innerhalb von nur wenigen Stunden unglaubliches bewegt. Denn Lebensmittel, Transport, Medikamente und vor allem Wasseraufbereitungs-Tabletten sind in Kathmandu nicht mehr zu bekommen. Im Regen und im Morgengrauen haben wir dann den Jeep mit circa 30 Säcken „beaten Rice“, so eine Art Trocken-Reis, den man nicht mehr kochen muss, jede Menge Kekse, Instant Nudeln und anderen Lebensmitteln beladen. Und dann ging es los nach Sindhupalchok.

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Unterwegs sind noch eine Medizinstudentin, ein Partner von Gokul, ein Student, und noch ein paar andere Freiwillige zu uns gestoßen. An einer Straßenecke wurden uns wie verabredet 6000 Wasseraufbereitungspillen gebracht, die Prakriti gestern organisiert hatte.  Bei einem Cousin, der ein kleines Ladengeschäft für Düngemittel hat, haben wir jede Menge Plastikfolien dazu geladen, die er für uns gestern irgendwie aufgetrieben hatte. Wir warten an einer weiteren Straßenecke, es taucht ein Taxi auf und ein neuer Karton wird auf die Ladefläche gereicht, voll von Medikamenten und Elektrolyten.

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Alle arbeiten Hand in Hand, um diesen Trip in die Dörfer der am stärksten vom Erdbeben betroffenen Region möglich zu machen – Sindhupalchok. Als wir endlich alles beisammen haben, quetschen wir uns mit den ganzen Hilfsgütern und elf Leuten in den Jeep. Es ist nicht daran zu denken mit dem Scooter zu fahren, denn es regnet ununterbrochen und die Straßen sind schlammig. Wir fahren durch die Straßen und sehen schnell die ersten zerstörten Häuser, Suchtrupps, und Menschen die im Regen immer noch im Freien kampieren… Wir sind alle sehr betroffen, und wissen nicht, was uns erwartet, wenn wir erst mal aus der Stadt raus sind und die Dorf Region erreicht haben. Immer weiter dringen wir vor und sehen immer mehr zerstörte Häuser. Teilweise sind es einfache Lehmbauten von denen nicht viel stehen geblieben ist. Auf dem Weg begegnen uns Menschentrauben, die versuchen den Jeep zum Anhalten zu bringen und an die Hilfsgüter zu kommen. Diese Menschen sind verzweifelt und haben seit Tagen nichts mehr gegessen, geschweige denn eine Hilfsorganisation bisher zu Gesicht bekommen. Wir schaffen es irgendwie durch die Menschentraube hindurch zu fahren, ohne direkt im ersten Dorf ausgeraubt zu werden. Unsere Hilfsgüter sind für die Dörfer weiter im Hinterland bestimmt. Nach wenigen Metern aber entscheiden wir uns anders. Wir halten an und verteilen etwas von den Nahrungsmitteln. Diese Menschen sind eben auch in Not! Wir müssen aufpassen, dass wir nicht überrannt werden. Wie aus dem Nichts tauchen von überall Menschen auf, die Hunger haben. Und Menschen die seit Tagen nichts mehr gegessen haben und so verzweifelt sind, sind zu allem bereit. Das wissen wir, dementsprechend gehen wir mit Bedacht vor. Wir schaffen es, dass die Menschen sich ganz ordentlich in Reih und Glied vor unserem Jeep aufstellen und von der Ladefläche heraus verteilen wir an jeden drei Hände voll von dem Reis und eine Packung Kekse. Der Reis wird in Pullover, Hemden, umhänge Tücher geschüttet…

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Wir fahren weiter. Sehen unterwegs mehr zerstörte Häuser, Erdrutsche, und über all Menschen die hilflos vor ihren zusammengebrochenen Häusern sitzen.

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Gegen Mittag erreichen wir das Dorf, indem Gokul und Prakriti noch einen Tag vor dem Erdbeben herzlich bewirtet wurden. Auch hier verteilen wir den Reis und die andern Lebensmittel direkt aus dem Jeep heraus. Auch eine kleine Erste Hilfe Station eröffnen wir, in der wir Medikamente austeilen und kleinere Wunden verbinden. Das macht die Medizinstudentin hervorragend.

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Dann bilden wir ein Komitee von sieben Dorfbewohnern, denen wir weitere Säcke in ihre Obhut geben. Diese Nahrung ist für die Menschen in den umliegenden Dörfern bestimmt, die nur zu Fuß zu erreichen sind. Nachdem alle versorgt sind, besuchen wir noch die Hausruine des Dorfältesten. Seine Kuh liegt im Sterben. Denn der Stall ist über ihr zusammen gekracht. Das Tier leidet fürchterlich, man sieht es. Aber eine Kuh zu töten ist in der hinduistischen Religion ein Tabu. Und so wartet man ab, bis das Tier elendig krepiert.

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Auch die Näherinnen von SHAKTI MILAN BAGS wollen unterstützen und so haben wir kurzerhand aus Reissäcken keine Taschen genäht sondern Planen. Diese Planen konnten wir nun nutzen um die minimalistischen Unterschlüpfe der Menschen ein wenig zu bedecken.

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Als wir abreisen, bekommen wir noch Tee angeboten. Es ist mir unangenehm von diesen Menschen, die gar nichts mehr haben,  auch noch Tee anzunehmen. Aber das sind die Regeln der Gastfreundschaft. Wir sind schon zur Abfahrt wieder in den Jeep geklettert, als wir anfangen die mitgebrachten Plastikfolien und einige Kleidungsstücke noch zu verteilen. Die ruhige und gelassene Stimmung ändert sich schlagartig und es wird erbittert um Kleidung und Plastikfolien gekämpft. Wir geben, was wir können und dann geben wir Gas, um der Menschenmenge zu entkommen.

Auf dem Rückweg kommen uns weitere Hilfstransporte und Rettungsteams entgegen. Wir waren die ersten, die in diese Dörfer vorgedrungen sind, aber jetzt langsam setzt sich die Welle der Hilfsdienstleistungen in Bewegung und kommt auch in den abgelegenen Dörfern an. Auch sind jede Menge Journalisten unterwegs, die nach Bildern und Storys suchen.Gokul und ich geben dem italienischen Sender TG2 ein Interview (ab Minute 2:25, leider ohne Interview)

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Und Erdbebentouristen. Einige sind in kleinen Mini Bussen unterwegs um wie im Safaripark die zerstörten Gebäude und das Leid der Menschen zu betrachten. Was für ein Tag!

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Aus Spenden-Geld wird Hilfe – Die ersten zwei Initiativen sind angestoßen

Inzwischen ist die Situation in Kathmandu so weit, dass wir aktiv werden können. Die ersten Tage hat die Familie von Prakriti und Gokul damit gekämpft, das eigene Leben und das der Familie zu stabilisieren. Jetzt ist Gokul in der Lage, konkrete Hilfsmassnahmen zu identifizieren und umzusetzen.

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Kerstin ist nun auch in Kathmandu. Nach 6h Busfahrt mit nur drei weiteren Passagieren sind alle wohlbehalten angekommen. Auf der Gegenfahrbahn war wesentlich mehr los. Die Nepalesen aus Kathmandu strömen aufs Land um zu schauen, wie es den eigenen Familien im Heimatdorf geht.

Am gestrigen 29. April, vier Tage nach Beginn des Erdbebens laufen die Vorbereitung für einen Hilfstrek nach Sindhupalchowk, ein Distrikt nord-östlich von Kathmandu. Diese Gegend war das Zentrum der vielen Nachbeben. Kerstin berichtet mir, das noch immer Nachbeben in Kathmandu zu spüren sind, diese aber zum Glück immer schwächer werden.

Zuerst mussten Fahrzeuge gefunden werden und diese sind nun mit Lebensmitteln und Arzneimitteln sowie Zelten bepackt. Zusammen mit Helfern und Ärzten ist Gokul heute morgen in das Dorf aufgebrochen. Ein sehr wichtiges Hilfmittel sind Wasser-Entkeimungstabletten zur Aufbereitung von Trinkwasser. Kerstin hat in Chitwan alle Bestände aufgekauft und diese mit nach Kathmandu gebracht. In Kathmandu selber bekommt man bereits keine Tabletten mehr, weil nun die Phase des hortens begonnen hat und jeder die Dinge hält, die er hat. Unsere schlaue Prakriti hat sich die Tabletten von Kerstin näher angeschaut und gesehen, dass diese in Kathmandu produziert werden und einfach dort angerufen und mal eben 6.000 Tabletten bestellt. Stark schmunzelnd sagte sie zu Kerstin, dass Kerstin die Tabletten wohl zu teuer eingekauft hätte😉

Wie Gokul es geschafft hat, einen Jeep und einen LKW für die Tour zu bekommen ist uns rätselhaft. Er sagte nur sowas wie Politikerin und Vitamin B etc. Ist auch egal, Hauptsache die ganzen Lebensmittel, die sich im Büro stapeln, kommen zu den bedürftigen Menschen.

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Als weitere Aktion konnten gestern 500€ aus euren Spenden an Baghwan von der Organisation Karmalya übergeben werden, womit der Wiederaufbau des Bergdorfes Swaragau finanziert werden kann. In diesem Dorf waren Kerstin und ich letztes Jahr für 10 Tage als Volunteer über Karmalaya. Das Beben hat wohl das gesamte Dorf zerstört. Zum Glück gab es nur leicht Verletzte und keine Toten, aber die große Schule und das Haus für die Blindenkinder wie auch das Flaschenhaus, an dem wir mitgearbeitet haben sind wohl zerstört. Baghwan versucht nun heute bis ins Dorf zu kommen, wohlwissend, dass die abenteuerliche Zufahrtstrasse in Teilen nicht mehr existiert. Jetzt bräuchte man einen Helikopter.
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Der Unmut über die Hilfsaktivitäten der Regierung und der großen Organisationen nimmt stark zu. Umso wichtiger wird es nun, das gerade die kleinen Initiativen wie unsere WE ARE NEPAL Unterstützung erhalten, weil so sehr direkt Erste Hilfe geleistet werden kann. Bitte spendet weiter und teilt es mit euren Familien, Freunden und Arbeitskollegen. Je mehr helfen desto mehr wird geholfen! Danke.

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